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  • #77
Zitat von Butte:
Nuit, wieweit die Vertretung sich primär einem erfassenden Blick auf das Vertretene verdanken muß, wäre vielleicht zu prüfen. :)
Die Formulierung, worum "es geht" hat mich das vermeinen lassen.:)

Die "herrschende Ideologie" ist natürlich schwer zu fassen. Sie ist auf jeden Fall nicht identisch mit einer psychotherapeutischen Orthodoxie, zu welchem Umfang es diese auch geben mag. Es schwappt da immer einiges rüber, und wie das so ist, wenn aus einer Wissenschaft was ins allgemeine Bewußtsein schwappt, gehen einige Merkmale notwendig verloren. Etwa wird, was selbst Gegenstand von Reflexion war, ist oder sein sollte, schnell zu einer Technik, zu deren Wesensmerkmal geradezu oftmals die Nichtreflexivität gehört. Das ist ein Zug, den man in einer bestimmten Art von Ratgeberwesen stark antrifft: das Verbot von kritischer Prüfung. Man müsse sich wirklich darauf einlassen, dürfe nicht distanziert bleiben, sonst funktioniere es nicht. Kein Wunder, daß man in den typischen Selbstdarstellungen der Halbweltcoaches dann liest, sie wendeten die Technik X1 nach Herr oder Frau Y und die Technik X2 nach Herr oder Frau Z an. Es wird ja zu viel gegrübelt, voran kommt man nur, wenn man sich entschieden hat und nicht zweifelt. Typisches Merkmal vieler Heilsversprechen.
Und wenn im Forum beispielsweise Topoi wie die Ich-Botschaften ausgegraben werden, dann selten mit kritischen Überlegungen bedacht, sondern ganz ähnlich einem Glauben, in so einer bestimmten Mischung aus "ich probier das jetzt mal" und normativem "wer das nicht auch so macht, macht es falsch und böse" und dem obligatorischen Rückzieher "das ist aber nur meine Meinung, das muß niemand teilen".
Ja. Im letzten Satz bist du mir zu anspruchsvoll. Handeln und gleichzeitig reflektieren und eventuell noch was Ungewohntes ausprobieren und alles in Schriftform.. uff, das tönt nach Arbeit. Falsch und böse, jo mei. Heikel find ichs dort, wo aufgrund der Bewertung zum Halali geblasen wird.

Da ists doch nicht verkehrt, wenn jemand auch mal schwierige Seiten anzeigt.
Ohne jetzt den Verfasser des verlinkten Artikels groß verteidgen zu wollen.
Nö, ich find ja den Relativismus meistens relativ gut. Dem Verfasser würd ich hingegen gerne einen reflexiven Blick auf seine negativen Gegenübertragungsgefühle bezüglich seiner Klienten nahelegen.

Überhaupt würde ich gegenüber dem verlinkten Text als Buhmann weniger die Reflexivität als solche aussuchen, sondern vielmehr bestimmte Modi. Die übermäßige Orientierung an eine "was mir gut tut" scheint mir ja gerade nicht unbedingt Hand in Hand zu gehen mit einem erhöhten Maß an Selbsterkenntnis, sondern oftmals mit dem Gegenteil. Was ja auch auf der Hand liegt: Wenn man äußerst abhängig davon ist, daß man sich gerade gut fühlt, und Selbsterkenntnis einem auch mal ein nicht so tolles Gefühl bescheren würde, dann opfert man halt lieber die Selbsterkenntnis. Außerdem ist die so anstrengend und das moderne Leben ist aufreibend genug.
Ich halte "Selbsterkenntnis" auch nicht für einen absoluten, unbedingten Wert. Aber auf alle Fälle gibts einen Qualitätsunterschied zu einer pseudoreflexiven narzisstischen Nabelschau.

Ich persönlich leider ja beispielsweise unter dieser Volksverdummung. Und bin gespannt, ob ich dafür ähnlich viel Beistand und Trost bekomme wie für das Leid, wenn ein Börsenkontakt nicht zurückruft.
Klar. Tu dir was Gutes ;).
Etwas mehr ernsthaft: Wirst du nicht altersmilde?
Noch mehr Ernst: Abwehrmechanismen sind ja keine Intelligenzfrage und haben ja auch Schutzfunktion.[/QUOTE]

Ich hätte nicht den Eindruck, dass wir in einer Wehleidigkeitsgesellschaft leben. Ich kenne doch viele, die sich ihrer Beschwerden wegen schämen und Unterstützung scheuen. "Alles ist machbar" und "es geht im Leben immer aufwärts" scheinen mir so kollektive Grundannahmen zu sein, die einhergehend mit zunehmender Technologisierung und einer Entfremdung von der Natur (hui, Rousseau lässt grüßen :)), zu krassen Wirklichkeitseinbrüchen führen, wenn es um Überleben, Leid, Krankheit usw. geht.
 
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  • #78
Zitat von nuit:
Ja. Im letzten Satz bist du mir zu anspruchsvoll. Handeln und gleichzeitig reflektieren und eventuell noch was Ungewohntes ausprobieren und alles in Schriftform..
Ich kommentiere ja nicht, wenn jemand bloß für sich was ausprobiert, sondern wenn er es hier propagiert. Da ist er dann selbst schon am Schreiben.

Ich halte "Selbsterkenntnis" auch nicht für einen absoluten, unbedingten Wert.
Was meinst du mit "absolutem, unedingten Wert"? Also ich halte sie für einen Selbstzweck. Nicht das einzige auf der Welt, was einen Wert hat, aber eben auch nicht njur Mittel zum Zweck.

Schwer einzuschätzen. Vieles wird ja langweilig und es gibt neue Herausforderungen.

Abwehrmechanismen sind ja keine Intelligenzfrage und haben ja auch Schutzfunktion.
Sogenannte Abwehrmechanismen sind nötig, klar. Die Frage ist, welche man so zur Verfügung hat. Ich beurteile ja nicht danach, ob jemand Abwehrverhalten zeigt oder nicht. Sondern welches er an den Tag legt. Das dürfte sogar zu den Dingen zählen, die in meiner Beurteilung von Menschen eine wichtige Rolle spielt. Und auch hier sehe ich sie nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern beurteile ihre Form und Eigenart. Übrigens ist Schutzfunktion für mich nicht das, was du vielleicht mit dem absoluten, unbedingten Wert meinst.
Es gibt üblen Selbstschutz. Und auch Schutz von üblem Selbst.
Daß Abwehrkompetenzen und realisiertes Abwehrverhalten völlig unabhängig von jeder Art von Intelligenz sein sollte, würde mich wundern.

Ich hätte nicht den Eindruck, dass wir in einer Wehleidigkeitsgesellschaft leben. Ich kenne doch viele, die sich ihrer Beschwerden wegen schämen und Unterstützung scheuen. "Alles ist machbar" und "es geht im Leben immer aufwärts" scheinen mir so kollektive Grundannahmen zu sein, die einhergehend mit zunehmender Technologisierung und einer Entfremdung von der Natur (hui, Rousseau lässt grüßen :)), zu krassen Wirklichkeitseinbrüchen führen, wenn es um Überleben, Leid, Krankheit usw. geht.
Ja, aber das verträgt sich ja nicht nur, sondern geht sogar prima Hand in Hand.
 
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  • #79
Ich möchte nicht noch zusätzlich mit einer traurigen Geschichte aufwarten. Jeder kennt solche Fälle.
Mir ist dieser ganze Psychobereich suspekt. Die Nähe zur Esoterik ist oft gegeben und da gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Danach sind die Personen manchmal noch verkorkster als sie es vorher waren.
"Wenn's schee macht." Das Hamsterrad des Wahren und Schönen. Vielleicht sollte man dem frühzeitig entfliehen.
 
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  • #80
Irgendwo las ich mal die pointiertironische Kurzfassung: Die eine Hälfte der Menschheit hält Seminare, die andere besucht sie. Da ist was dran.
Jungle of life. Wohl dem, der einen eigenen Bauchladen hat.
 
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  • #81
Zitat von t.b.d.:
Ich habe auch ein Fallbeispiel zum reflektieren. Eines wo zu wenig reflektiert wurde. Womöglich, wer weiß, weil woanders zuviel reflektiert wurde?
...
...
Dabei hätte er nur seine Tabletten gebraucht und die richtige Behandlung. Jemanden der sich mit solchen Sachverhalten gut auskennt und sich intensiv darum kümmert. Eine Fachkraft die ihm hilft zu verstehen was er nicht versteht und doch so dringend hätte lernen müssen.

Mag sein, dass es davon gelegentlich auch zuviel gibt oder dass eine andere Verteilung für alle besser wäre. Sowas ist keine exakte Wissenschaft. Die Dinge entwickeln sich langsam.
Aber es geht voran. Ich finde das sollte man nicht außer Acht lassen.
Was geht voran?
Die gesamtgesellschaftliche Sensibilität für die Möglichkeit inneren Leidens oder von Dysfunktionalität, wenn äußerlich doch alles prima zu laufen scheint?
Nicht gemeint ist sicherlich, daß die Zunahme von solchen Zuständen wie Burnout voranschreitet. - Dennoch: tut sie das nicht? Oder schreitet nur die Entdeckung solcher Zustände voran? Oder ihre Benennung? ...
Und was sind die Zusammenhänge? Wenn heute mehr Burnouts auftreten sollten als "früher" und die Gesellschaft und der Umgang zwischen Menschen durchtherapeutisierter ist als früher, gibt es da Verbindungen?
Große Fragen. Was mir geblieben ist, nachdem ich die schlimme Geschcihte gelesen habe: alles scheint so verstanden. Kein Geheimnis, keine Offenheit, vielleicht auch keine Achtung. Der Suizid erscheint klar als unnötig. Irgendwas hat da nicht funktioniert. Der Burnout hatte offenbar etwas damit zu tun, daß es mit dem Funktionieren wohl nicht alles ist, und dann hat aber das Gesundheitssystem nicht funktioniert . Der Suizid wird als klar vermeidbar präentiert. Wenns doch nur besser funktioniert hätte.
 
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  • #82
Er braucht keine Taschenlampe, sondern ein Corporate Design für Befindlichkeiten. Burnout, Depresssion, Phobie, Borderline - irgend so etwas. Dann findet er ihn. Bestimmt.
 
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  • #83
Zitat von t.b.d.:
Die Sache ist nicht ausgereift, muss sich entwickeln.

Es ist wie mit dem Mann der seinen Schlüssel verloren hat. Er sucht im Schein einer Laterne, aber da ist der Schlüssel nicht. Jemand fragt ihn, warum er nicht woanders sucht. Darauf entgegnet der Mann, dort könne er nicht suchen, weil man da nichts sieht.
Wir wissen ja, obwohl alles so klar zu sein scheint, von dem Mann ja wenig. Etwa wissen wir nicht, welcher Art die Widerstände waren, die er etwa gegen die Tabletten hatte. Wir wissen auch nicht, ob er sich vielleicht selbst verantwortlich gefühlt hat für seinen Zustand. Eine verbreitete Auffassung ist ja: stell dir vor, dieser Mann wußte, daß man auf sich achten solle, also daß es eine gut geht, und dann geht es ihm nicht gut, und er weiß, letztlich muß er sich selber helfen, und er hilft sich aber nicht, und fällt also nicht nur aus der Rolle desjenigen, dem es gut geht, sondern auch aus der Rolle desjenigen, der was dagegen tut, wenn er merkt, daß es ihm nicht gut geht. Solche Leute haben übrigens auch hier mit der größten Ablehnung zu rechnen. Die sich selbst dem System der Eigenverantwortlichkeit, des Wohlseins usw. entziehen. Die sind, da taucht sich dann so unverhofft wieder auf, diese Kategorie, selbst schuld. Sie könnten ja, aber sie tun nicht. Usw.

Ich denke bei solchen Geschcihten weniger an den Mann mit dem Schlüssel, sondern an Bartleby.
Das Geheimnis scheint in die Literatur zu gehören. Im Leben alles Machbarkeit. Und wenn etwas nicht funktioniert, dann liegt es daran, daß das System eben noch nicht ausgereift genug ist.
 
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  • #84
Ja, das System müsste halt einfach den Schlüssel ins Licht legen! :) "Ich suche einen Menschen" - fällt mir bei dem Beispiel spontan ein. Bei ihm: einen Menschen, der ihn an die Hand nimmt und mit ihm die Grenze zur Dunkelheit überschreitet, ihm hilft, die Angst zu überwinden. Jede Angst basiert auf der Angst vor dem Tod. Er hat keine Hilfe bekommen, die Wartezeiten dafür sind lang, spontan bekommt man sie nur, wenn man sich selbst direkt in der Notaufnahme anmeldet. Dazu gehört viel Kraft und das Erkennen des Tiefpunktes und dass man leben möchte.
 
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  • #85
Aber: das ist alles ziemlich gefährlich. Wenn man suizidgefährdet ist, landet man ja gleich in der "Geschlossenen" und wenn man das weiß, macht man halt viel mit sich alleine aus.
 
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  • #86
Wenn das Psychotherapiesystem so sehr als Reperatursystem für defekte, nämlich sich schlechtes fühlende Menschensysteme verstanden wird, liegt es nahe, Obsoleszenzen einzurichten.
 
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  • #87
Zitat von Marlene:
Aber: das ist alles ziemlich gefährlich. Wenn man suizidgefährdet ist, landet man ja gleich in der "Geschlossenen" und wenn man das weiß, macht man halt viel mit sich alleine aus.

Sicher?

Suizid ist ja nunmal nicht nur für den Betroffenen selbst gefährlich...
 
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  • #88
Wieso fragt keiner nach dem Grund des Suizids? Hat der Mann am Ende doch die bewusstseins verändernden Meds genommen und der Suizid kam in Folge von zb Depressionen? Stelle ich dann nicht das System Krankheit und Therapie in Frage, sondern viel mehr das System Arzt und Verschreibungen? Oder das System Pharmakonzern?
 
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  • #89
Zitat von IPv6:
Sicher?

Suizid ist ja nunmal nicht nur für den Betroffenen selbst gefährlich...
Ja, bei Suizidgefahr ists ganz schnell aus mit individueller Autonomie.
Entscheiden muß das dann natürlich ein Richter, also daß man jemanden da behalten darf. Aber der macht in der Regel, was die Ärzte ihm sagen.
Wir leben ja in einem System technischer Expertenhörigkeit.