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Gast

  • #61
Zitat von tina*:
@Butte, ich habe deinen Beitrag jetzt ein paar Mal gelesen und checke nicht, was du sagen willst: ein Plädoyer für den gesunden Menschenverstand?
Ich fürchte, ich kann keinen Strich ziehen und eine Maxime darunterschreiben. Es kommt schon auf die Bewegungen an. Selbst die Polemik dürfte nicht die Spitze einer Meinung sein.

Das muss doch gar nicht bewertet werden. Und nicht pathologisiert. Wer unter dem ausbleibenden Rückruf leidet, dem steht es doch frei - so er es möchte - sich professionell helfen zu lassen. Oder von Freunden. Oder lange genug rumjammern, bis ihm keiner mehr zuhört. Oder einfach vor sich hin leiden.
Ja, in einem gewissen Sinne "darf" jeder für sich so ziemlich alles. Er hat dann halt jeweils mit unterschiedlichen Reaktionen zu rechnen. Und diese Unterschiedlichkeit interessiert mich und worin sie gründet.
 
F

fleurdelis

  • #62
Der Inhalt des Artikels oder vielmehr das was er zum Ausdruck bringt, kommt mE etwas zu kurz. Die Abgrenzung – ich möchte es mal Erscheinungen der Verhaltensmuster der letzten Jahrzehnte, zu pathologisieren, kann möglich sein, ist doch im Grunde nicht so sehr gewichtig.

Mir gefällt der Artikel sehr gut, aus dem einfachen Grund, weil er ein wenig den Spiegel aufzeigt, wie die Gesellschaft schleichend in einen Prozess geraten ist, in dem viel mehr danach gesucht wird, nicht nur seine eigenen Macken zu pflegen, sondern auch Bestätigung dafür zu finden. Wann und wo und warum die Macken begonnen haben, ob sie psychologisch behandlungsbedürftig sind oder nicht, sei mal dahin gestellt. Die Pathologie an sich neben angestellt.

Es geht vielmehr darum, das eigene Befinden zu kultivieren, obwohl, ohne Unterstellung angenommen, diese Befindlichkeit einer normalen körperlichen Reaktion entsprechen mag.

Bsp. Auffällig sind so viele Unverträglichkeiten, mag es von Parfum sein, Handystrahlen, und Nahrungsmitteln. Dergestalt dass nach z.B. Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, ständiger Müdigkeit und ähnliches eine Ursache gesucht wird. Rein technisch wissenschaftlich oft nicht begründbar, rennt man von Pontius bis Pilatus um eine Erklärung zu finden, die nicht dazu dient, der Lösung des Problems zu finden, sondern dazu, jemanden zu finden der die Beschwerden genauso stilisiert wie der Betroffene selbst. Mag es erst der Arzt nicht sein, geht man zum Heilpraktiker, findet man hier nicht den Gleichklang für sich selbst, so wird es der Schamane, Geistheiler oder Lebenscoach. Eben bis jemand kommt, der die gleiche Tonart singt.

Und das ist das was ich fatal finde, was in dem Artikel so schön gesagt wird:

„"Beispielhaft hierfür ist die Beratungs- und Coachwelle, bei der die Akteure nicht allzu viel tun können und die Klienten, die sich an sie wenden, nicht allzu viel wissen – oder zu faul sind, sich ihrer eigenen mentalen Fähigkeiten (falls vorhanden) zu bedienen. Kant ist immer noch aktuell. Falls die Beratung nicht zu 100-prozentigem Erfolg führt, was häufig der Fall ist, sieht man sich als traumatisiert an und ist Opfer der Umstände. Der Opferstatus wird zäh verteidigt.“"

Es mag sein, dass ich hier völlig weit abdrifte, aber meiner Sicht nach, könnte man es am besten mit dieser Byron Katie-Kultur beschreiben: Lieben was ist. Oder noch ein Beispiel: Die Tochter einer Freundin hat eine Ausbildung begonnen, die ist natürlich anstrengender als die Schule, Tochter musste bisher kaum etwas tun, hat die Mutter abgenommen. Arbeit ist zu anstrengend, Tochter mag nicht mehr. Was passiert: Mutter rennt zum Chef und beschwert sich über den Arbeitssaufwand den die Tochter aufbringen muss. Es wird lieber der Zustand der Tochter gepflegt, sie hat Rückenschmerzen durch die plötzlich verändert Lebensstruktur, sie ist müde und es strengt an, als zu überlegen der neuen Situation zu begegnen. Das mag sich jetzt böse anhören, ist aber so nicht gemeint.

Mich fasziniert das, wie Menschen sich mit Leidenschaft ihren Befindlichkeiten widmen, anstatt einen Lösungsweg zu suchen. Dazu kommt noch, die Suche nach möglicher Ursache, da wird dann gekramt in der Psyche des Menschen, möglicherweise ein Ansatz gefunden, ob nun wirklich oder nicht, aber: der Schuldige ist gefunden. Der Schuldige steht im Raum und dient als Erklärung für alles, ohne dass jedoch Fortschritte stattfinden. Bietet sogar manchmal die Ausrede dafür, jetzigen Zustand zu bewahren. Wenn ich nicht komplett falsch liege ist das eine der Botschaften die dieser Artikel zum Ausdruck bringen möchte. Wo jetzt genau hier der Ansatz zu suchen ist, wäre zu mühsam heraus zu finden. Selbst ein Hypochonder hat seinen Anfang gefunden. Aber das spielt im Grunde keine Rolle, es ist eine Zeit in der lieber jemand gesucht wird, der die „Selbstbeweihräucherung“ unterstützt, als jemanden der Änderungsvorschläge auf den Tisch bringt.

"„Aus der Fülle dieser Befindlichkeitsstörungen wachsen die nächsten Kunstpflanzen, die natürlich auch in den Status von psychischen Erkrankungen erhoben werden. Um ihrer Herr zu werden, werden die diagnostischen Kriterien immer weiter abgesenkt. Doch auch was nicht als krank angesehen wird, kann permanent kommuniziert werden, seien es echte oder eingebildete Mängel jedweder Couleur.“"
 
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  • #63
Zitat von tina*:
Der Trend geht zum Zweitbuch. Nur weil du mal den Schnarch liest, besteht noch keine Gefahr ;)
Meine Liste mit Ratgebern wird immer länger. Das ist ja genau der Streß und deshalb kam mir der Artikel gerade recht.

Immer wieder erstaunlich, was so als Verletzung empfunden werden kann - wenn eine mit einem Artikel nichts anfangen kann, den ein anderer gut findet??
Es war ja nicht Deine Meinung zum Artikel, sondern Dein Trigger, der dann etwas bei mir triggerte, was mir "nicht gut tat". Es ist kompliziert.

Notiz an mich selbst: nix mehr in fafner-threads schreiben. Einfach nicht kommunikationskompatibel.
Das ist die einfache Methode. Ich versuche mich dann ja immer - wie schon mal erwähnt - an PCM nach Taibi Kahler zu orientieren.

Zitat von tina*:
Ich finde es immer wieder interessant, welche Artikel du hier verlinkst.
Immerhin sorgt es für Diskussionen. :)

Zitat von tina*:
Nach meiner Wahrnehmung geht es ja meist nicht um die Diskussion des Themas, sondern um Selbstbestätigung, in der Regel verbunden mit Abwertung anderer.
Das Problem mit diesen Kommunikationsinkompatibilitäten ist halt, daß sie auf Gegenseitigkeit beruhen. Nach meiner Beobachtung bin ich nicht der einzige hier, dem das schon passiert ist. Klar kann man dann natürlich immer sagen, "nicht mein Problem, sondern Euers, wenn Ihr mich immer falsch versteht". Notiz: Ratgeber suchen, wie man das lernt. :-/ Oder selber schreiben. "Wie ich lernte, meine Harmoniesucht zu überwinden und mir ein dickes Fell zuzulegen".

Zitat von Marlene:
Er schreibt Bewerbungen, halbherzig, denn eigentlich fühlt er sich gedemütigt durch die plötzliche Entlassung. Ihm fehlt die Energie dazu. Eines Morgens wacht er auf und ihm klappern die Zähne. Immer mehr Symptome kommen dazu. ...
Eines Tages sagt zu ihm sein Sohn: eigentlich hättest Du nur einen neuen Job gebraucht!
Ja, und jetzt ist es zu spät.
Ja, aber sich selbst einfach nur 'n neuen Job zu suchen, dazu war er doch anscheinend nicht in der Lage. Also wurde er nicht kaputtpsychologisiert sondern konnte sein Leben doch tatsächlich nicht selbst regeln.

In England ist übrigens die 'mental illness' der Bevölkerung ganz regierungsamtliches Programm mittlerweile: http://buff.ly/20Gaq4k
 
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  • #64
@Butte
schön, dass du wieder hier schreibst ;).
Interessante Gedankengänge, ich hab nur grad den Kopf voll mit anderen Themen und keine Zeit für's Forum.
Ich lese das nächste Woche nochmal in Ruhe.
 
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  • #65
Zitat von Butte;n224024) Ja:
Meiner Meinung nach gründet sie in dem jeweiligen System, das jeweils für das absolut Richtige gehalten wird. Dazu kommt, dass die Systeme isoliert nebeneinander bestehen. Wenn man sich in Eines vertrauensseelig hinein begibt, braucht es sehr viel Kraft, dann irgendwann die Notbremse zu ziehen, um auszusteigen, wenn man merkt, es geht jetzt in die falsche Richtung. Deswegen wird in vielen Therapien ab einem gewissen Zeitpunkt so oft "gelogen" mit der Behauptung "es geht jetzt einem super", man hat viel erkannt und schafft das jetzt alleine. Wenn man dagegen sozusagen "beratungsresistent" ist, bekommt man Pillen und glaubt auch an diese und verdrängt, dass es die Glückspille nicht gibt. Mit welcher Leichtfertigkeit Medikamente verschrieben werden, darüber bin ich baff erstaunt. Man begibt sich in eine Spirale, aus der man sehr schwer aussteigen kann, womit ich jetzt die "leichteren Fälle" meine.
 
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  • #67
Tja, und auch hier gilt, wie fast überall:

- Die gesunde Mischung macht's.
- Viel hilft nicht immer viel.
- Ein gesundes Mittelmaß walten lassen.
 
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  • #68
Wieso macht es nicht die Mischung oder das Mittelmaß? Wieso muss es eine "gesunde" Mischung und ein "gesundes" Mittelmaß sein? Was stellst du dir darunter vor?
 
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  • #69
Ich habe leider auch wenig Zeit und nehm aus den Beiträgen, die mich sehr beschäftigt haben, jetzt nur einen Aspekt heraus.(Manchmal, so wie hier, hätte ich auch echt Lust an einer Gesprächsrunde anstelle dieser Schreiberei :)).

Zitat von Marlene:
Meiner Meinung nach gründet sie in dem jeweiligen System, das jeweils für das absolut Richtige gehalten wird. Dazu kommt, dass die Systeme isoliert nebeneinander bestehen.
Da stimme ich dir zu. Du sprachst von 3 Kliniken. Ich nehme an, dass es um "psychosomatische Kliniken" oder "Reha"-Kliniken" geht mit Aufenthalten zwischen 6 und 12 Wochen. Diese sind in den letzten 10 (?) Jahren zunehmend aufgemacht worden. Auch wenn durchaus bemühte, gute Arbeit geleistet wird, kann man sich vorstellen, dass in 6 Wochen (max. 12 Stunden Einzelpsychotherapie), der Selbsterkenntnisgewinn ziemlich auf der Strecke bleibt. Das Systemproblem sehe ich darin, dass zunehmend aus Kostengründen auf Kurzzeitbehandlungen gesetzt wird mit einer breiten Therapiepalette, die zum Teil schon Event- statt Reflexivcharakter hat und daher die Nachhaltigkeit zu kurz kommt bis hin zur Klinikdrehtürgefahr. Und dass, bereits vorhandene "Heilsillusionen" (6 Wochen!) durch das geschaffene Angebot (suggeriert die Möglichkeit) verstärkt werden. Die Enttäuschung liegt auf der Hand.
 
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  • #70
Zitat von Marlene:
Mit welcher Leichtfertigkeit Medikamente verschrieben werden, darüber bin ich baff erstaunt. Man begibt sich in eine Spirale, aus der man sehr schwer aussteigen kann, womit ich jetzt die "leichteren Fälle" meine.
Woher weisst du das alles so genau? Selber erfahren, in der "Branche" arbeitend, langjährig mindestens 10 Jahre?
 
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  • #71
Zitat von Mentalista:
Woher weisst du das alles so genau? Selber erfahren, in der "Branche" arbeitend, langjährig mindestens 10 Jahre?
Irgendwie erstaunt mich diese Frage. Vielleicht habe ich den "falschen" Bekanntenkreis. Habe den Eindruck, dass jeder Dritte einmal ab einem bestimmten Lebensalter damit tangiert wurde. Das sind Leute, die nach außen erfolgreich sind, denen Du es nicht anmerken würdest, aber innerlich ausgebrannt mit zum Teil krassen Abstürzen hinter sich und der Kraftanstrengung, sich wieder hoch zu rappeln. Privat wird eben davon erzählt, wenn man weiß, der Andere versteht das und verurteilt das nicht. Kennst Du nicht solche Menschen?
 
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  • #72
Zitat von Marlene:
Irgendwie erstaunt mich diese Frage. Vielleicht habe ich den "falschen" Bekanntenkreis. Habe den Eindruck, dass jeder Dritte einmal ab einem bestimmten Lebensalter damit tangiert wurde. Das sind Leute, die nach außen erfolgreich sind, denen Du es nicht anmerken würdest, aber innerlich ausgebrannt mit zum Teil krassen Abstürzen hinter sich und der Kraftanstrengung, sich wieder hoch zu rappeln. Privat wird eben davon erzählt, wenn man weiß, der Andere versteht das und verurteilt das nicht. Kennst Du nicht solche Menschen?
Irgendwie irritiert mich das, was ich zwischen deinen Zeilen lese .-). Dein Eindruck, aufgrund deines Bekanntenkreise, ist absolut i.O., nur deine ersten Zeilen wirkten auf mich sehr verallgemeinernd. Was ist dazu erfolgreich, wie wird Erfolgreich definiert? Für mich ist ein Mensch z.B. erfolgreich, wenn er Konsequenzen zieht, kleinere Brötchen backt, seine Work&Live-Balance überprüft, anstatt sich ständig Medikamente verschreiben zu lassen, die auf der einen Seite (vielleicht) helfen, aber auf der anderen Seite wieder Schaden zu fügen und auch noch Geld kosten, als0 den Hamsterad-Lauf nicht mehr mit macht, bzw. erst gar nicht einsteigt. Denn wofür alles? Dickes Auto, tolle Eigentumswohnungm zu viel gearbeitet, gescheiterte Ehe, kaputte Kinder, die ihre Eltern kaum gesehen haben, weil diese "erfolgreich" sein wollten?

Erst letztens habe ich wieder intensiv darüber nachgedacht, als ich mit bekam, wieviele Menschen in meinem Alter, teilweise nicht mal 50, an Krebs oder den schnellen Herztod im letzten Vierteljahr starben.

Wer innerlich ausgebrannt ist, braucht m.E. Hilfe und die Einsicht, an seinem Leben was ändern zu müssen, wobei allein Medikamente nur bedingt helfen.

Ich kenne solche "erfolgreichen" Menschen wenig, dazu achte ich erstmal, dass meine Work-Live-Balance gut austangiert ist. Verständnis für solche Problematik habe ich sehr wohl, aber denke dennoch, das jeder ausreichend Macht hat, sein Glückes Schmied selber zu sein.
 
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  • #73
Zitat von Marlene:
Habe den Eindruck, dass jeder Dritte einmal ab einem bestimmten Lebensalter damit tangiert wurde. ... Kennst Du nicht solche Menschen?
Wenn ich so drüber nachdenke: nö. Habe mal vor Jahren eine getroffen, die sagte, sie wäre "immer mal wieder" oder "schon x mal" (weiß nicht mehr genau) wegen Burn Out in Behandlung. Zu dem Zeitpunkt aber nicht. Und in der Zeitung war grad wieder ein Artikel.
 
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  • #74
Zitat von fafner:
Wenn ich so drüber nachdenke: nö. Habe mal vor Jahren eine getroffen, die sagte, sie wäre "immer mal wieder" oder "schon x mal" (weiß nicht mehr genau) wegen Burn Out in Behandlung. Zu dem Zeitpunkt aber nicht. Und in der Zeitung war grad wieder ein Artikel.
Kenne auch Menschen ... die daraus sehr viel ziehen und lernen konnten, ich gehöre auch dazu.