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  • #676
Hast du einen Menschen gern, so musst du ihn versteh’n.
Musst nicht immer hier und da, seine Fehler seh’n.
Schau mit Liebe und Verzeih’,
denn am Ende bist du selbst nicht fehlerfrei.

Johann Wolfgang von Goethe
(1749 – 1832) deutscher Dichter, Naturwissenschaftler und Staatsmann
 
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Deleted member 23883

  • #677
Das Lied der Mignon

Nur wer die Sehnsucht kennt
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
Nach jener Seite.

Ach! der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide.
Nur wer die Sehnsucht kennt
Weiß, was ich leide!

Johann Wolfgang von Goethe
 
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  • #679
Das war eine tolle Dokumentation, Hölderlin ist aktuell und modern wie eh und jeh. Der Erschaffer des Fragments und sein Bekenntnis dazu, d.h. man steht zu dem Bruch und zu dem Zerbrochenen. Man sieht es genauso wie auch das Rettende und der Ausgang ist ungewiß. Eins zu sein mit Beidem ist der Weg.

Patmos
Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
das Rettende auch. (...)

aus: Gedichte 1800 - 1804
 
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  • #680
März


Für die Bühne
webt und strickt und
näht und stickt
der Frühling
bunte Kulissen
aus Blüten und Blättern

Still warten alle
daß der Vorhang
sich hebt
Die Vögel die vorlauten
geben schon täglich
laute Klingelzeichen


Anne Steinwart
 
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  • #681
Wie wenig nütze ich bin,
ich hebe den Finger und hinterlasse
nicht den kleinsten Strich
in der Luft.

Die Zeit verwischt mein Gesicht,
sie hat schon begonnen.
Hinter meinen Schritten im Staub
wäscht Regen die Straße blank
wie eine Hausfrau.

Ich war hier.
Ich gehe vorüber
ohne Spur.
Die Ulmen am Weg
winken mir zu wie ich komme,
grün blau goldener Gruß,
und vergessen mich,
eh ich vorbei bin.

Ich gehe vorüber -
aber ich lasse vielleicht
den kleinen Ton meiner Stimme,
mein Lachen und meine Tränen
und auch den Gruß der Bäume im Abend
auf einem Stückchen Papier.

Und im Vorbeigehn,
ganz absichtslos,
zünde ich die ein oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand.

Hilde Domin, Wie wenig ich nütze bin
 
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Deleted member 23883

  • #682
Wie wenig nütze ich bin,
ich hebe den Finger und hinterlasse
nicht den kleinsten Strich
in der Luft.

Die Zeit verwischt mein Gesicht,
sie hat schon begonnen.
Hinter meinen Schritten im Staub
wäscht Regen die Straße blank
wie eine Hausfrau.

Ich war hier.
Ich gehe vorüber
ohne Spur.
Die Ulmen am Weg
winken mir zu wie ich komme,
grün blau goldener Gruß,
und vergessen mich,
eh ich vorbei bin.

Ich gehe vorüber -
aber ich lasse vielleicht
den kleinen Ton meiner Stimme,
mein Lachen und meine Tränen
und auch den Gruß der Bäume im Abend
auf einem Stückchen Papier.

Und im Vorbeigehn,
ganz absichtslos,
zünde ich die ein oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand.

Hilde Domin, Wie wenig ich nütze bin
Dein Gedicht entspricht meiner Musik...
 
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  • #686
Einmal wird ein Ende
aller Irrfahrt sein.
Müdgewordne Hände
ziehn die Segel ein.

Leise ruft der Rufer
allen Sturm zur Ruhr.
Einem andern Ufer
treibt der Nachen zu.

Und die vor mir gingen
schauen nach mir aus,
um mich heinzubringen
in mein Vaterhaus.

Wortlos knie ich nieder
in den Silbersand:
nimm mich, nimm mich wieder,
seliges Sonnenland!

Manfred Kyber, Das andere Ufer
 
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  • #687
Die Wolke seh ich wandeln und den Fluss

Es dringt der Sonne goldner Kuss

Mir tief bis ins Geblüt hinein;

Die Augen, wunderbar berauschet,

Tun als schliefen sie ein,

Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.




Eduard Mörike
 
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  • #688
@Honey Bee

Schau die Trauer in meinen Augen
Wie sie Tropfen für Tropfen zu Wasser wird
Wie mein schwarzer Schatten widerwillig
Der Sonne als Gefangener in die Hände fällt
Schau, mein ganzes Sein zerbricht

Ein Funke bringt mich zum Zielwunsch
Nimmt mich in die Höhe
Hält mich fest

Schau, mein ganzer Himmel
Wird voller Flammen

Du kamst von den Weiten der Weiten
Aus einem Land der Düfte und Lichter
Setztest mich auf ein Schiff
Aus Elfenbein, aus Wolken, aus Kristall
Nimm mich hinfort, meine herzerfreuende Hoffnung
Hin zum Land der Poesie und Leidenschaft

Auf einem Weg voller Sterne führst du mich
Höher als die Sterne bringst du mich
Schau, ich verbrenne an den Sternen
An der Fülle der Sterne, hat mich das Fieber gepackt

Forough Farrokhzad (1934 – 1967): Sonne - aaftaab
 
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  • #689
Nähe des Geliebten
Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer vom Meer erstrahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer in Quellen malt.
Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege der Staub sich hebt;
in tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege der Wandrer bebt.
Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen die Welle steigt;
im stillen Haine geh ich oft zu lauschen, Wenn alles schweigt.
Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne, du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne. O wärst du da!
 
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  • #690
„Warst mir die mütterlichste der Frauen,
ein Freund warst Du, wie Männer sind,
ein Weib, so warst Du anzuschauen,
und öfter noch warst Du ein Kind.
Du warst das Zarteste, das mir begegnet,
das Härteste warst Du, damit ich rang.
Du warst das Hohe, das mich gesegnet –
und wurdest der Abgrund, der mich verschlang.“
Rainer Maria Rilke:
Gedicht, nachdem sich @Lou Salome von ihm getrennt hatte
 
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