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  • #601
 
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  • #602
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  • #603
Als ich mich morgens vom Lager erhob, strich etwas
wie der Schatten eines Vogels über mein Herz. Be-
deckte mein Herz für eine Sekunde und verschwand.
War es ein Lichtes, ein Dunkles, ein Heißes, ein
Kaltes? Ich wußte es nicht. Etwas wie der Schatten
eines Vogels, und ließ mich den ganzen Tag nicht
los.
Abends auf meinem Spaziergang bemerkte ich einen
kleinen Tümpel, der überwuchert war von dichtem
Gras. Ich warf einen Blick hinein und hörte ein leises
Tropfen. Doch da ich wartete, daß ich es deutlicher
vernähme, wiederholte es sich nicht mehr.
Ich schlief diese Nacht zwischen dem leisen Tropfen
und dem, was dem Schatten eines Vogels glich. Von
nicht erklärbaren Dingen blieb ich umstellt diese
Nacht. Dabei besaß mein Schlaf die immer vom Un-
verbürgten gehütete Stille.

Herbstanfang, lyrische Prosaskizze, Yasushi Inoue
 
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Deleted member 24797

  • #607
Ganz einfach

wie ein Schleier
legt sich der Nebel der Traurigkeit
über mich

alles Ringen darum
was da einst am Horizont
als Not und Ziel sich aufdrängte
wie eine gleissende Sonne
zu Tagesbeginn

vergeblich

alle Kraft ist dahin
und gleichzeitig
löst sich der Widerstand
bröckelt
der Schutzwall

die Tränen
vielleicht
zerfliessen nicht mich
sondern das Trugbild

und der Schleier
kann wie ein dunkler Vorhang
zur Seite gezogen werden

darunter kommt an die Luft
ins Leben
roh und zart
der denkenden Schale entwichen
langsam zwar
aber doch
endlich klar

Menschlichkeit

ganz einfach
 
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Deleted member 24797

  • #608
eins

das Jubeln in mir
die Ehrfurcht

keimen
immer wieder
neu
aus dem Schmerz
und der Furcht

die Klarheit
das Licht

scheinen
nur
aus der Verwirrung heraus
aus dem Dunkel

es geht nicht ohne

zwei sind eins
 
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  • #614
"Liebesanfang" von Dirk von Petersdorff

Die Sonne auf dem grünen Teppich,

die weißen Flügelfenster offen,

der Sommer lang wie ihre Beine

und abgeschaltet war das Hoffen.

Denn überall nur Gegenwart,

die Wände aber viel zu dünn,

die Vögel schrieen froh im Hof,

und Liebe war der Liebe Sinn.

Ich war den ganzen Tag gespannt

So wie ein guter glatter Bauch,

bis Hamburg kamen die Zikaden,

und ferngesteuert war ich auch.

Von Freiheit leider keine Spur,

„gib Urlaub mir von deinem Leib“,

hab ich gefleht wie starke Ritter
und sagte dann wie sie: „Ich bleib.“

Dein helles Haar war weit zu sehn,

und manche fragten: „Ist das echt?“,

was man bei Engeln niemals fragt,

sie landen und sie haben Recht.

Wir mussten schon beim Frühstück lachen

Wir strichen dann die Wände an

Und kochten einen Eimer Pudding,


zum Leben sagte ich: „Ich kann.“

Ich weiß es doch, dein Shirt war grün

Und blau mit irgendwelchen Ranken,

Lianen auch, das war die Welt,

in der wir sommertief versanken.

Dirk von Petersdorff wurde am 16. März 1966 in Kiel geboren. Er ist ein deutscher Literaturwissenschaftler und Schriftsteller.
 
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  • #615
Die Rose ist ohne warum.
Sie blühet, weil sie blühet.
Sie achtet nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.

Angelus Silesius (Johannes Scheffler) 1624 - 1677