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Deleted member 23883

  • #571
Wenn Stille in dir Einzug hält
Und wie vergessen ist die Welt,
Dann warst du doch ein Teil von ihr
Und sie ein großer Teil von dir.

Du gehst und kommst doch bei dir an
Und siehst im Angesicht des Seins
Dass Ich und Welt nicht fremd sein kann
Es ist und war noch immer Eins
 
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Solutréen

  • #572
Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.


Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.


Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse
 
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Deleted member 23363

  • #573
Ein Versuch

Ich habe versucht
zu versuchen
während ich arbeiten muß
an meine Arbeit zu denken
und nicht an dich
Und ich bin glücklich
daß der Versuch
nicht geglückt ist

Erich Fried
 
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Deleted member 23363

  • #574
Dich

Dich nicht näher denken
und dich nicht weiter denken
dich denken wo du bist
weil du dort wirklich bist

Dich nicht älter denken
und dich nicht jünger denken
nicht größer nicht kleiner
nicht hitziger und nicht kälter

Dich denken und mich nach dir sehnen
dich sehen wollen
und dich liebhaben
so wie du wirklich bist

Erich Fried
 
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  • #575
Nideriu minne heizet diu sô swachet,
daz der lîp nâch kranker liebe ringet.
diu minne tuot unlobelîche wê.
hôhiu minne heizet diu daz machet,
daz der muot nâch hôher wirde űf swinget.
diu winket mir nű, daz ich mit ir gê.
mich wundert wes diu mâze beitet:
kumet diu herzeliebe, ich bin iedoch verleitet.
mîn ougen hânt ein wîp ersehen,
swie minneclîche ir rede sî,
mir mac wol schade von ir geschehen.

Nied're Minne kann dich zwar erregen,
Dass der Leib in kranker Lust sich windet,
Diese Minne macht nur schwach und leer.
Hohe Minne kann dich neu bewegen,
Dass der Geist nur edle Ziele findet,
Doch Erfüllung, die winkt nimmermehr.
Mäßigung, wohin wollt Ihr mich führen?
Wird die Liebe neu mein Herz berühren?
Mein Aug. das hat ein Weib gesehen,
So lieblich sie nun auch sprechen mag -
Ach, wird mir ein Leid nun durch sie geschehn?

Walther von der Vogelweide (ca.1170 - ca.1230)
 
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  • #577
Muss ein Gedicht eigentlich einen Titel bekommen (bei Kunstwerken stellt sich das gleiche Problem).
MIT bekommt das Ganze direkt einen Deutungsrahmen und kann eher im Sinn des Schreibers verstanden werden.
OHNE bleiben viel mehr Deutungsmöglichkeiten für den Lesenden.
*grübel
 
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Deleted member 21128

  • #578
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  • #580
GEWITTER

Der Boden bebt, die Luft vibriert
am Himmel zucken Blitze
der Mensch im Auto sich chauffiert
und fährt durch manche Pfütze.

Die Menschen hasten, eilen, rennen
und suchen vor dem Nass ‚nen Schutz
manch‘ Kind fängt angstvoll an zu flennen
Radfahrer’s Hosen voll mit Schmutz.

Der Regen fällt mit viel Geprassel
den Bauern freut’s – den Boden auch
für die Familie ‚n Schlamassel
und völlig unbeschirmt der Bauch.

Die Bürgersteige leer gefegt,
die Menschen sind aus Zucker
kein Mensch sich auf den Straßen regt
im Rinnstein schwillt Geglucker.

Doch kommt auch wieder helle Zeit
und einer schreibt auf Twitter:
#wir hatten schlimm „Unwetter“ heut
und meint dabei – Gewitter.

(IMHO)
 
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  • #581
Auf der Alm, da ist gut lieben
denn jeden Herbst wird abgetrieben.

Ingrid Steeger in "Klimbim"
Herr Mahlzahn distanziert sich prophylaktisch schon mal vom umstrittenen Inhalt
 
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  • #582
Es war einmal und ist nicht mehr
ein vollgefressner Teddybär
der aß am Tag ein halbes Brot
und als er starb, da war er tot.

Direkt an meinem linken Hoden
kratz ich mich. Das ist verboten.


Der Main ist trüb,
die Luft ist rein
Herr Gauland muß ertrunken sein.
 
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  • #583
Stabat mater
anonymus (1200 – 1300) original in Latein


Gereimte Übertragung

Heinrich Bone 1847

Christi Mutter stand mit Schmerzen
bei dem Kreuz und weint von Herzen,
als ihr lieber Sohn da hing.
Durch die Seele voller Trauer,
schneidend unter Todesschauer,
jetzt das Schwert des Leidens ging.

Welch ein Schmerz der Auserkornen,
da sie sah den Eingebornen,
wie er mit dem Tode rang.
Angst und Jammer, Qual und Bangen,
alles Leid hielt sie umfangen,
das nur je ein Herz durchdrang.

Ist ein Mensch auf aller Erden,
der nicht muss erweichet werden,
wenn er Christi Mutter denkt,
wie sie, ganz von Weh zerschlagen,
bleich da steht, ohn alles Klagen,
nur ins Leid des Sohns versenkt?

Ach, für seiner Brüder Schulden
sah sie ihn die Marter dulden,
Geißeln, Dornen, Spott und Hohn;
sah ihn trostlos und verlassen
an dem blutgen Kreuz erblassen,
ihren lieben einzgen Sohn.

O du Mutter, Brunn der Liebe,
mich erfüll mit gleichem Triebe,
dass ich fühl die Schmerzen dein;
dass mein Herz, im Leid entzündet,
sich mit deiner Lieb verbindet,
um zu lieben Gott allein.

Drücke deines Sohnes Wunden,
so wie du sie selbst empfunden,
heilge Mutter, in mein Herz!
Dass ich weiß, was ich verschuldet,
was dein Sohn für mich erduldet,
gib mir Teil an seinem Schmerz!

Lass mich wahrhaft mit dir weinen,
mich mit Christi Leid vereinen,
so lang mir das Leben währt!
An dem Kreuz mit dir zu stehen,
unverwandt hinaufzusehen,
ist’s, wonach mein Herz begehrt.

O du Jungfrau der Jungfrauen,
woll auf mich in Liebe schauen,
dass ich teile deinen Schmerz,
dass ich Christi Tod und Leiden,
Marter, Angst und bittres Scheiden
fühle wie dein Mutterherz!

Alle Wunden, ihm geschlagen,
Schmach und Kreuz mit ihm zu tragen,
das sei fortan mein Gewinn!
Dass mein Herz, von Lieb entzündet,
Gnade im Gerichte findet,
sei du meine Schützerin!

Mach, dass mich sein Kreuz bewache,
dass sein Tod mich selig mache,
mich erwärm sein Gnadenlicht,
dass die Seel sich mög erheben
frei zu Gott in ewgem Leben,
wann mein sterbend Auge bricht!
 
D

Deleted member 24797

  • #584
Zarter Beginn

So fein und sanft,
was mich da berührte.
Zärtlich hätte es sein können.
Und doch!
Es wurde zum Mückenstich,
der noch eine Weile böse juckt.
 
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  • #585
"Der Wunsch nach der Landschaft
jenseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht. (...)

Es taugt die Bitte, (...),
daß wir aus der Flut,
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden."

Hilde Domin ("eine Sterbende, die gegen das Sterben anschrieb")