Beiträge
610
Likes
871
  • #511
Fragment (1919)

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,
siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,
aber wie klein auch, noch ein letztes
Gehöft von Gefühl. Erkennst du`s?
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund
unter den Händen. Hier blüht wohl
einiges auf; aus stummem Absturz
blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.
Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann
und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.
Da geht wohl, heilen Bewußtseins,
manches umher, manches gesicherte Bergtier,
wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel
kreist um der Gipfel reine Verweigerung. - Aber
ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens ...

(Rilke)
 
A

*Andrea*

  • #512
für @Marlene und ihre Freude an Gedichten:

Richtlinien für heute
Sieh mit den Händen
Fühle mit den Augen
Höre mit der Nase
Rieche mit der Zunge
Prüfe mit den Eingeweiden
Lebe mit dem Körper
Wisse mit allem

Constant
 
A

*Andrea*

  • #513
Und noch eins:

Nimm dir Zeit
Nimm dir Zeit, um zu arbeiten;
es ist der Preis des Erfolges.
Nimm dir Zeit, um nachzudenken;
es ist die Quelle der Kraft.
Nimm dir Zeit, um zu spielen;
es ist das Geheimnis der Jugend.
Nimm dir Zeit, um zu lesen;
es ist die Grundlage des Wissens.
Nimm dir Zeit, um freundlich zu sein;
es ist das Tor zum Glücklichsein.
Nimm dir Zeit, um zu träumen;
es ist der Weg zu den Sternen.
Nimm dir Zeit, um zu lieben;
es ist die wahre Lebensfreude.
Nimm dir Zeit, um froh zu sein;
es ist die Musik der Seele.

Aus Irland
 
A

*Andrea*

  • #514
Betrachte den Fluss

Betrachte den Fluss
Deines Lebens
Und erkenne,
wie viele Ströme
in ihm münden,
die dich nähren
und unterstützen.

Thich Nhat Hanh
 
A

*Andrea*

  • #515
Obwohl zum Innehalten die Zeit nicht ist,
wird einmal keine Zeit mehr sein,
wenn man jetzt nicht innehält.
Lebst du jetzt, wirklich?
In diesem Augenblick, ganz und gar?
Wann, wenn nicht jetzt?

Christa Wolf
 
A

*Andrea*

  • #516
Noch bist du da
Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Ausländer
 
F

Flip ~ Flop

  • #519
Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen Andern erwählt;
Der Andre liebt eine Andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Heinrich Heine
 
A

*Andrea*

  • #520
als ich einen Andern war,
dankten mir die Beinen nicht, die Beinen
meinten: einen Andern tragen? Nein!
Nicht so gern, der habe seine eignen
und diese liefen in der Tat auch weg,
als sie, die andern Beinen, das begriffen
dass nicht ich das war, der da auf ihnen
einen Andern lief, nicht meinen liefen
Beinen, bis ich hörte, in der Tat
gar nicht mehr auf was sie mir versagten
dass ich nicht einen Andern sei, allein
den Einen sehen, gehen, schiefgehn, schiefen

Christian Filips
 
Beiträge
7.820
Likes
6.591
  • #521
Abendlied

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder,
Und wissen gar nicht viel.
Wir spinnen Luftgespinnste
Und suchen viele Künste,
Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden,
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich seyn!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns im Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon' uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

Mathias Claudius
 
Beiträge
308
Likes
148
  • #522
Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Erich Fried
Toll. Ein Gedicht. Viel Luft und Bla Bla.
Elvis Presley: "A little less conversation, a little more action, please"
Frauen, wenn ihr meint, dass Männer auf sowas stehen, dann täuscht ihr euch. Die stehen nur so lange drauf, bis ihr liegt!
 
Beiträge
7.820
Likes
6.591
  • #523
Toll. Ein Gedicht. Viel Luft und Bla Bla.
Elvis Presley: "A little less conversation, a little more action, please"
Frauen, wenn ihr meint, dass Männer auf sowas stehen, dann täuscht ihr euch. Die stehen nur so lange drauf, bis ihr liegt!
Luckilucki, du bist ja ein richtiger kleiner Intellektueller. Bei solchen geistigen Ergüssen werden dir die Damen in Massen zu Füšen liegen.:D:rolleyes:
 

ICQ

Beiträge
1.404
Likes
1.730
  • #524
In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad,
Mein‘ Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei.
Sie hat die Treu‘ gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht‘ als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen,
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht‘ als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will –
Ich möcht am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still!
 
Beiträge
7.820
Likes
6.591
  • #525
In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad,
Mein‘ Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei.
Sie hat die Treu‘ gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht‘ als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen,
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht‘ als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will –
Ich möcht am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still!
Der Dichter ist
Joseph von Eichendorff