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  • #603
Als ich mich morgens vom Lager erhob, strich etwas
wie der Schatten eines Vogels über mein Herz. Be-
deckte mein Herz für eine Sekunde und verschwand.
War es ein Lichtes, ein Dunkles, ein Heißes, ein
Kaltes? Ich wußte es nicht. Etwas wie der Schatten
eines Vogels, und ließ mich den ganzen Tag nicht
los.
Abends auf meinem Spaziergang bemerkte ich einen
kleinen Tümpel, der überwuchert war von dichtem
Gras. Ich warf einen Blick hinein und hörte ein leises
Tropfen. Doch da ich wartete, daß ich es deutlicher
vernähme, wiederholte es sich nicht mehr.
Ich schlief diese Nacht zwischen dem leisen Tropfen
und dem, was dem Schatten eines Vogels glich. Von
nicht erklärbaren Dingen blieb ich umstellt diese
Nacht. Dabei besaß mein Schlaf die immer vom Un-
verbürgten gehütete Stille.

Herbstanfang, lyrische Prosaskizze, Yasushi Inoue
 
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  • #607
Ganz einfach

wie ein Schleier
legt sich der Nebel der Traurigkeit
über mich

alles Ringen darum
was da einst am Horizont
als Not und Ziel sich aufdrängte
wie eine gleissende Sonne
zu Tagesbeginn

vergeblich

alle Kraft ist dahin
und gleichzeitig
löst sich der Widerstand
bröckelt
der Schutzwall

die Tränen
vielleicht
zerfliessen nicht mich
sondern das Trugbild

und der Schleier
kann wie ein dunkler Vorhang
zur Seite gezogen werden

darunter kommt an die Luft
ins Leben
roh und zart
der denkenden Schale entwichen
langsam zwar
aber doch
endlich klar

Menschlichkeit

ganz einfach
 
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  • #608
eins

das Jubeln in mir
die Ehrfurcht

keimen
immer wieder
neu
aus dem Schmerz
und der Furcht

die Klarheit
das Licht

scheinen
nur
aus der Verwirrung heraus
aus dem Dunkel

es geht nicht ohne

zwei sind eins
 
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  • #614
"Liebesanfang" von Dirk von Petersdorff

Die Sonne auf dem grünen Teppich,

die weißen Flügelfenster offen,

der Sommer lang wie ihre Beine

und abgeschaltet war das Hoffen.

Denn überall nur Gegenwart,

die Wände aber viel zu dünn,

die Vögel schrieen froh im Hof,

und Liebe war der Liebe Sinn.

Ich war den ganzen Tag gespannt

So wie ein guter glatter Bauch,

bis Hamburg kamen die Zikaden,

und ferngesteuert war ich auch.

Von Freiheit leider keine Spur,

„gib Urlaub mir von deinem Leib“,

hab ich gefleht wie starke Ritter
und sagte dann wie sie: „Ich bleib.“

Dein helles Haar war weit zu sehn,

und manche fragten: „Ist das echt?“,

was man bei Engeln niemals fragt,

sie landen und sie haben Recht.

Wir mussten schon beim Frühstück lachen

Wir strichen dann die Wände an

Und kochten einen Eimer Pudding,


zum Leben sagte ich: „Ich kann.“

Ich weiß es doch, dein Shirt war grün

Und blau mit irgendwelchen Ranken,

Lianen auch, das war die Welt,

in der wir sommertief versanken.

Dirk von Petersdorff wurde am 16. März 1966 in Kiel geboren. Er ist ein deutscher Literaturwissenschaftler und Schriftsteller.
 
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  • #615
Die Rose ist ohne warum.
Sie blühet, weil sie blühet.
Sie achtet nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.

Angelus Silesius (Johannes Scheffler) 1624 - 1677
 
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  • #616
Kommunikation

als die worte
sich berührten
als die angst
entfernt wurde
als nächtlich
augen-blicke wuchsen
als ein weites lächeln
ganz ohne mühe
hinüberglitt
in das tanzende licht
dieses jähen vorfrühlings


S.Brodauf
 
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  • #617
Hier scheint die Sonne.:rolleyes:

S. Bergmann


Vogelflügel in den Himmel
gestreut
Sonnenschein an den Fensterrahmen gesteckt
Lächeln noch hinter Glas
Mit offenem Mantel mit
Offenen Haaren
Im Wind
Freue ich mich noch
Auf alles was
kommt:
Frühling
 
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  • #618
Kommunikation

als die worte
sich berührten
als die angst
entfernt wurde
als nächtlich
augen-blicke wuchsen
als ein weites lächeln
ganz ohne mühe
hinüberglitt
in das tanzende licht
dieses jähen vorfrühlings


S.Brodauf
Das ist ein wunderbares Gedicht. Kennst du die Verfasserin, @Megara ? Oder hast du diesen Lyriband von ihr: "Nachthäute"? Ist wohl eine Zeitgenössin, man findet nicht so viel von ihr.
Wunderbar, wie damit eine gelungene Kommunikation, die in einem tiefen Verständnis zueinander stattfand, beschrieben wird.
 
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  • #619
Das ist ein wunderbares Gedicht. Kennst du die Verfasserin, @Megara ? Oder hast du diesen Lyriband von ihr: "Nachthäute"? Ist wohl eine Zeitgenössin, man findet nicht so viel von ihr.
Wunderbar, wie damit eine gelungene Kommunikation, die in einem tiefen Verständnis zueinander stattfand, beschrieben wird.
Das ist aus meiner Sammlung, die ich vor sehr vielen Jahren angefangen habe.Leider habe ich damals oft nur irgendwo ausgeschnitten und eingeklebt .Durch einen Umzug habe ich den Ordner wiedergefunden.
"Nachthäute" werde ich mal googeln.Danke.
Ich mag auch Anne Steinwart, Mascha Kaleko und Ulla Hahn von den Zeitgenössischen sehr.
 
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  • #622
"A gonzes Lebn long

Liebe mocht ned blind sondern nur die Augn gschwoin
Wie a storker Wind den de Staun ned trogn woin
Fost wie bei an Kind wos de Augn ned glaubn woin
Wie da Kuss von Klimt den de Fraun ned hom woin"
 
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  • #624
Nicht aufzuhalten


Dieses verrückte Kind
das losrennt
das Leben zu umarmen
das hin fällt
aufsteht und weiter läuft
mit zerschlagenen Knien

Dieses verrückte Kind
das Hoffnung heißt
an Liebe glaubt



Anne Steinwart
 
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  • #629
Dunkel war’s der Mond schien helle

Dunkel war's, der Mond schien helle,
schneebedeckt die grüne Flur.
Als ein Wagen blitzeschnelle
langsam um die runde Ecke fuhr.

Drinnen standen sitzend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschossner Hase
auf der Sandbank Schlittschuh lief.

Und der Wagen fuhr im Trabe
rückwärts einen Berg hinauf.
Droben zog ein alter Rabe
grade eine Turmuhr auf.

Ringsumher herrscht tiefes Schweigen,
und mit fürchterlichem Krach
spielen in des Grases Zweigen
zwei Kamele lautlos Schach.

Und zwei Fische liefen munter
durch das blaue Kornfeld hin.
Endlich ging die Sonne unter,
und der graue Tag erschien.

Und auf einer roten Bank,
die blau angestrichen war,
saß ein blondgelockter Jüngling
mit kohlrabenschwarzem Haar.

Neben ihm 'ne alte Schrulle,
zählte kaum erst sechzehn Jahr,
in der Hand 'ne Butterstulle,
die mit Schmalz bestrichen war.

Droben auf dem Apfelbaume,
der sehr süße Birnen trug,
hing des Frühlings letzte Pflaume,
und an Nüssen noch genug.

Von der regennassen Strasse
wirbelte der Staub empor.
Und ein Junge bei der Hitze
mächtig an den Ohren fror.

Beide Hände in den Taschen.
hielt er sich die Augen zu.
Denn er konnte nicht ertragen,
wie nach Veilchen roch die Kuh.
 
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  • #630
Und wüßten's die Blumen die kleinen
(Heinrich Heine)


Und wüßten's die Blumen, die kleinen,
wie tief verwundet mein Herz,
sie würden mit mir weinen,
zu heilen meinen Schmerz.

Und wüßten's die Nachtigallen,
wie ich so traurig und krank,
sie ließen fröhlich erschallen,
erquickenden Gesang.

Und wüßten sie mein Wehe,
die goldenen Sternelein,
sie kämen aus ihrer Höhe,
und sprächen Trost mir ein.

Sie allen können's nicht wissen,
nur eine kennt meinen Schmerz:
Sie hat ja selbst zerissen,
zerissen mir das Herz.
 
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