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  • #166
AW: Ein Gedicht

Die Löffel

Ein Rabbi kommt zu Gott: "Herr, ich möchte die Hölle sehen und auch den Himmel."

"Nimm Elia als Führer" spricht der Schöpfer, "er wird dir beides zeigen."

Der Prophet nimmt den Rabbi bei der Hand. Er führt ihn in einen großen Raum. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf. Aber die Menschen sehen mager aus, blass, elend. Kein Wunder: Ihre Löffel sind zu lang. Sie können sie nicht zum Munde führen. Das herrliche Essen ist nicht zu genießen.

Die beiden gehen hinaus. "Welch seltsamer Raum war das?" fragt der Rabbi den Propheten. "Die Hölle" lautet die Antwort.

Sie betreten einen zweiten Raum. Alles genau wie im ersten. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf. Aber - ein Unterschied zu dem ersten Raum: Diese Menschen sehen gesund aus, gut genährt und glücklich.

"Wie kommt das?" - Der Rabbi schaut genau hin. Da sieht er den Grund: Diese Menschen schieben sich die Löffel gegenseitig in den Mund, sie geben einander zu essen. Da weiß der Rabbi, wo er ist.

Russisches Märchen
 
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  • #167
AW: Ein Gedicht

Seinen Weg gehen
bis ans Ende der Straße,
leise Zeichen bleiben
am Wegrand
bis der Weg sie fortträgt
in einer vergänglichen Welt,
doch wir bleiben zurück
mit einem Herzen,
das deine Spur trägt.

(else lasker-schüler)
 
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  • #169
AW: Ein Gedicht

Wir haben Rosen
gepflanzt
es wurden Dornen
Der Gärtner
tröstet uns
die Rosen schlafen
man muß auch
seine Dornenzeit lieben.

(rose ausländer)
 
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  • #171
AW: Ein Gedicht

in letzter zeit summt mir plötzlich immer dieses lied im ohr herum:

so 'ne kleine frau
und so 'ne grosse lust
und hat schon kinder drei
und immer noch kein' frust
und hat schon so gelitten...
 
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  • #172
AW: Ein Gedicht

Über die Geduld

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären...

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit...

Man muss Geduld haben
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

Rainer Maria Rilke
 
W

winzling_geloescht

  • #173
AW: Ein Gedicht

"Nora scheint zwischen mir und den anderen Männern, die sie gekannt hat, keinen großen Unterschied zu machen, und ich glaube kaum, dass sie dazu ein Recht hat."

James Joyce ;o)
 
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  • #174
AW: Ein Gedicht

Ich wollte meinen König töten

Ich wollte meinen König töten
Und wieder frei sein. Das Armband
das er mir gab, den einen schönen Namen
Legte ich ab und warf die Worte
Weg die ich gemacht hatte: Vergleiche
Für seine Augen die Stimme die Zunge
Ich baute leergetrunkene Flaschen auf
Füllte Explosives ein - das sollte ihn
Für immer verjagen. Damit
Die Rebellion vollständig würde
Verschloss ich die Tür, ging
unter Menschen, verbrüderte mich
In verschiedenen Häusern - doch
Die Freiheit wollte nicht gross werden
Das Ding Seele dies bourgeoise Stück
Verharrte nicht nur, wurde milder
Tanzte wenn ich den Kopf
An gegen Mauern rannte. Ich ging
Den Gerüchten nach im Lande die
Gegen ihn sprachen, sammelte
Drei Bände Verfehlung eine Mappe
Ungerechtigkeiten, selbst Lügen
Führte ich auf. Ganz zuletzt
Wollte ich ihn einfach verraten
Ich suchte ihn, den Plan zu vollenden
Küsste den Anderen, dass meinem
König nichts widerführe

(sarah kirsch: aus katzenkopfpflaster, 1. auflage 1978)

eines meiner lieblingsgedichte von je her. mir soeben wieder in den sinn gekommen... ich halte es für keinen zufall.
und jetzt (so hoffe ich) habe ich es wirklich verstanden...

danke.
 
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  • #176
AW: Ein Gedicht

Es regnet, um Mittag ist es schon halb Nacht, was hat dieser Mai denn nur gemacht.
Nichts ist‘s mit Wärme und Sonnenschein, da schau ich lieber ins Forum rein.

Gedichte die das Herz erwärmen und Kommentare zum weiterschwärmen.
Eine fröhliche Runde und überhaupt,
mancher Thread im Forum hat mir schon den Schlaf geraubt.

Meist geht’s um Liebe und die Sorgen und Ängste damit.
Man fühlt mit und erkennt sich selbst im Sorgen- und Ängstegetümmel
und jeder hofft auf den Liebeshimmel.

Es gibt so viele schöne Gedichte und Reime
und alle wollen nur das Eine:
Uns zum Träumen verführen, unser Herz berühren …

Auch ich möchte Eure Gedanken erhellen und meine Lieblingsgedichte einstellen.


Mein Herz, ich will dich fragen:

Was ist denn Liebe?
„Zwei Seelen und ein Gedanke,
zwei Herzen und ein Schlag!“

Und sprich, woher kommt Liebe?
„Sie kommt und sie ist da!“

Und sprich, wie schwindet Liebe?
„Die war’s nicht, der’s geschah!“

Und was ist reine Liebe?
„Die ihrer selbst vergisst!“

Und wann ist Lieb am tiefsten?
„Wenn sie am stillsten ist.“

Und wann ist Lieb am reichsten?
„Das ist sie, wenn sie gibt!“

Und sprich, wie redet Liebe?
„Sie redet nicht, sie liebt!“

(Friedrich Halm)



Glück

Es huscht das Glück von Tür zu Tür,
Klopft zaghaft an: „Wer öffnet mir?“

Der Frohe lärmt im frohen Kreis,
Und hört nicht, wie es klopft so leis‘.

Der Trübe seufzt: ich lass nicht ein,
Nur neue Trübsal wird es sein.

Der Reiche wähnt, es poch‘ die Not,
Der Kranke bangt, es sei der Tod.

Schon will das Glück enteilen sacht,
denn nirgends wird ihm aufgemacht.

Der Dümmste öffnet just die Tür -
Da lacht das Glück: „Ich bleib bei dir!“

(Richard Zoozmann)
 
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  • #177
AW: Ein Gedicht

Träume, die die Angst besiegen,
Zweisamkeit die Einsamkeit,
Morgenrot in dunklen Nächten, all das wünsch ich dir.
Fantasie wie Seifenblasen,
die der Wind zum Himmel trägt,
ein Stück Erde, um zu wohnen, all das wünsch ich dir.

Bäume, die dir Schatten spenden,
Hände, die dir Halt verleihn,
Mut, um dich auch loszusagen, all das wünsch ich dir.
Tränen, die es ehrlich meinen,
Augenblicke voller Glück,
Sehnsucht, die die Grenzen sprengt, all das wünsch ich dir.

Wünsche, die sich leben lassen,
Wind, der dich nach vorne treibt,
Lust, dich immer neu zu finden, all das wünsch ich dir.
Tänze, die die Trauer bannen,
Schweigen, das vor Nähe brennt,
Segen, den der Himmel regnet, all das wünsch ich dir.

Freunde, die dich oft verzaubern,
Lächeln, das von innen kommt,
Zärtlichkeit, die sich verschwendet, all das wünsch ich dir.
Gegenwind bei Langeweile,
Kraft, die aus der Tiefe schöpft,
einen Engel in der Not, all das wünsch ich dir.

...für alle, die hier schreiben und lesen!

Das ist übrigens ein Kirchenlied - ich lernte es kennen bei der Taufe
eines meiner Patenkinder.
 
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  • #178
AW: Ein Gedicht

Zitat von Sarah:
Auch von mir danke. Ohne Worte geht's manchmal leider nicht.
Die schwersten Wege

Die schwersten Wege
werden alleine gegangen,
die Enttäuschung, der Verlust,
das Opfer,
sind einsam.
Selbst der Tote der jedem Ruf antwortet
und sich keiner Bitte versagt
steht uns nicht bei
und sieht zu
ob wir es vermögen.
Die Hände der Lebenden die sich ausstrecken
ohne uns zu erreichen
sind wie die Äste der Bäume im Winter.
Alle Vögel schweigen.
Man hört nur den eigenen Schritt
und den Schritt den der Fuß
noch nicht gegangen ist aber gehen wird.
Stehenbleiben und sich Umdrehn
hilft nicht. Es muß
gegangen sein.

Nimm eine Kerze in die Hand
wie in den Katakomben,
das kleine Licht atmet kaum.
Und doch, wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne die Gnade
nicht leben können:
die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags,
du bläst sie lächelnd aus
wenn du in die Sonne trittst
und unter den blühenden Gärten
die Stadt vor dir liegt,
und in deinem Hause
dir der Tisch weiß gedeckt ist.
Und die verlierbaren Lebenden
und die unverlierbaren Toten
dir das Brot brechen und den Wein reichen –
und du ihre Stimmen wieder hörst
ganz nahe
bei deinem Herzen.

(Hilde Domin)
 
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  • #179
AW: Ein Gedicht

Dich

Dich
dich sein lassen
ganz dich

Sehen
daß du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich anschmiegen
und das was sich losreißen will

Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln

Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?
Es kommt nicht darauf an mit wieviel
Vorbedacht und Verstand
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem
nach allem
was du ist

Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und Unwillen
nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit

Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer

(Erich Fried)
 
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  • #180
AW: Ein Gedicht

Und noch'n Gedicht:

Bei jedem Wetter, auch bei Sturme
rief man es mehrfach laut vom Turme:
Hört, ihr Leute, was wir verkünden:
Herr Fips will eine Familie gründen.
Da hob ein Suchen an und Späh'n,
doch keine Jungfrau war zu seh'n.
Die einzige die man gefunden
ward grad' von einem Kind entbunden.
Fazit:
Will einer eine Jungfrau frei'n,
darf er nicht so penibel sein. ;-)

(Heinz Erhardt)