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  • #1

Die Kunst der Zerstreuung

hallo Ihr Lieben,
in Boccaccios Decameron erzählen sich 10 junge Italiener Geschichten über Liebe und Sex in Zeiten der Pest. Ich nehme dies als Anregung, damit Ihr hier Geschichten posten oder auf tolle, lesenswerte Bücher aufmerksam machen könnt in Zeiten von Corona.
Es kann auch eine Ideenbörse sein für unkonventionellen Zeitvertreib.
Liebe Grüsse
Cosy
 
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  • #2
woher kommt dein Nickname?
 
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  • #5
Wegen dem Nickname ... ich glaub es gibt da auch eine Marke, die sich so nennt ...
 
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  • #8
Tja, die Ösis, ich bin Schweizerin! Das Beschäftigen mit Klopapier kann auch Zerstreuung sein sei es auf dem Klo oder hier. :):p:D:):p:eek:
 
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  • #10
Gute Idee, @Cosy , mal meine Geschichte:

Vor 42 Jahren hatte ich mein schönstes Date.
Eigentlich wollte ich mich gar nicht mit ihm treffen, weil er überhaupt nicht meinen Kriterien entsprach. Er war nicht größer als ich, nur ein kleiner Handwerker, sah zu gut aus, und ich wusste, dass er ein kleiner Casanova war, der die Frauen reihenweise vernascht hat. Ein halbes Jahr hatte er ganz zart und dezent gedrängelt, bis er mich überredet hatte. Wir waren in Hamburg im Dello Pub, eine kleine Pizzeria, haben dort in einer Kutsche gesessen bei Kerzenschein, leckere Pizza gegessen und süßen Lambrusco getrunken. Es war total romantisch. Anschließend noch eine kleine Nachtwanderung an der Binnenalster. An diesem Abend hat sich ein Riesenschwarm Schmetterlinge in meinem Bauch gesammelt. Mit der Zeit wurde daraus Liebe. Nicht die große Liebe mit Pauken, Trompeten und Fanfaren, sondern eine kleine Liebe mit Harfen und Violinen. Er hatte nix für Kunst und Kultur übrig, auch nicht für meine ganzen sportlichen Tätigkeiten, die ich dann im Laufe der Zeit alle ihm zuliebe aufgegeben hatte. Schließlich bin ich zu ihm gezogen, habe meinen Beruf aufgegeben, seinen Betrieb vergrößert und einen zweiten gegründet, Kinder in die Welt gesetzt, Haus gebaut, Baum gepflanzt, wir hatten ein schönes friedliches Leben, ohne Zank und Streit, mit vielen Menschen und Highlife. Und ... er war der perfekte Partner und Vater. Ich war glücklich.
Nach 25 Jahren lief dann leider alles schief, er hatte sich verändert. Ehe kaputt, wir lebten allerdings in einer WG weiter. Bis ich nach sechs Jahren merkte, dass er krank war. Alzheimer, und der schon im mittleren Stadium. Nun hatte ich vier Jahre anstrengende Pflege vor mir. Es kamen noch Lewy-Body- sowie vaskuläre Demenz dazu, Parkinson, Dysphagie, außerdem noch diverse andere übliche kleinere Alterskrankheiten. In den letzten Monaten wurde es dann eine 24-Stundenbereitschaft in der Pflege, weil er halt sehr anstrengend und nicht nur geistig sondern auch körperlich angeschlagen war.
Heute ist Jahrestag, vor 7 Jahren ist er gestorben.
Die ersten dreieinhalb Jahre der Pflege hatte ich aber wieder Glück mit ihm. Nach der Diagnose war er so erleichtert, dass er die ganzen Pflichten abgeben könnte, und hat sich meiner Obhut total anvertraut. Der Pflegedienst, beim Alzheimertreffen, in den Arztpraxen, auf Partys - alle waren von seinem lieben Charme verzaubert, er war der friedlichste und freundlichste Demente, den man sich vorstellen kann. Allerdings durfte ich ihn nicht eine Minute unbeaufsichtigt lassen, weil er dann irgendeinen Unsinn angestellt hat. Und trotzdem sind wir noch zwei mal in Urlaub gefahren, haben regelmäßig Ausflüge gemacht und konnten die Zeit miteinander genießen, waren albern, gemeinsames Lachen, auch über seine vielen Missgeschicke. Angenehm überrascht war ich von den Fremden, die uns überall geholfen haben, beim Einsteigen in öffentlichen Verkehrsmitteln, uns wurden Plätze frei gemacht, weil man ihm seine Krankheit angemerkt hat. Lächeln, Rücksichtnahme, das wurde mir von vielen entgegengebracht.
Nur ... die Freunde und Familie haben uns mit der Zeit leider ziemlich im Stich gelassen, sie kamen mit dem veränderten Herbie nicht klar und haben sich am Ende zurückgezogen, wo wir sie gerade so dringend gebraucht hätten. Mir blieben nur ganz wenige, die uns bis zum Schluss begleitet haben.
Die paar Jahre Stress und das langsame Sterben verblassen;
was in Erinnerung bleibt, ist die schöne Zeit, die tiefe Liebe.

Leider sind viele Menschen in Krisensituationen hilflos und überfordert. Dabei ist Anteilnahme und Hilfe gerade dann sehr wichtig.
Jetzt hat die ganze Welt eine Krisensituation.
Wachsen wir zusammen?
Gibt es Menschen in unserem Umfeld, die sich über Hilfe, Zuwendung, Lob, Anteilnahme, Freundschaft, Liebe, nur einen Anruf freuen?
Obwohl wir selber alle Angst haben und hilflos sind ... vielleicht gibt es ja Jemanden, dem es noch schlechter geht als uns?
Für den wir ein klitzekleines Bisschen da sein könnten?
Das kann ja jeder für sich selber entscheiden.
Aber ich wünsche es mir.
 
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apfelstrudel

  • #14
Gute Idee, @Cosy , mal meine Geschichte:

Vor 42 Jahren hatte ich mein schönstes Date.
Eigentlich wollte ich mich gar nicht mit ihm treffen, weil er überhaupt nicht meinen Kriterien entsprach. Er war nicht größer als ich, nur ein kleiner Handwerker, sah zu gut aus, und ich wusste, dass er ein kleiner Casanova war, der die Frauen reihenweise vernascht hat. Ein halbes Jahr hatte er ganz zart und dezent gedrängelt, bis er mich überredet hatte. Wir waren in Hamburg im Dello Pub, eine kleine Pizzeria, haben dort in einer Kutsche gesessen bei Kerzenschein, leckere Pizza gegessen und süßen Lambrusco getrunken. Es war total romantisch. Anschließend noch eine kleine Nachtwanderung an der Binnenalster. An diesem Abend hat sich ein Riesenschwarm Schmetterlinge in meinem Bauch gesammelt. Mit der Zeit wurde daraus Liebe. Nicht die große Liebe mit Pauken, Trompeten und Fanfaren, sondern eine kleine Liebe mit Harfen und Violinen. Er hatte nix für Kunst und Kultur übrig, auch nicht für meine ganzen sportlichen Tätigkeiten, die ich dann im Laufe der Zeit alle ihm zuliebe aufgegeben hatte. Schließlich bin ich zu ihm gezogen, habe meinen Beruf aufgegeben, seinen Betrieb vergrößert und einen zweiten gegründet, Kinder in die Welt gesetzt, Haus gebaut, Baum gepflanzt, wir hatten ein schönes friedliches Leben, ohne Zank und Streit, mit vielen Menschen und Highlife. Und ... er war der perfekte Partner und Vater. Ich war glücklich.
Nach 25 Jahren lief dann leider alles schief, er hatte sich verändert. Ehe kaputt, wir lebten allerdings in einer WG weiter. Bis ich nach sechs Jahren merkte, dass er krank war. Alzheimer, und der schon im mittleren Stadium. Nun hatte ich vier Jahre anstrengende Pflege vor mir. Es kamen noch Lewy-Body- sowie vaskuläre Demenz dazu, Parkinson, Dysphagie, außerdem noch diverse andere übliche kleinere Alterskrankheiten. In den letzten Monaten wurde es dann eine 24-Stundenbereitschaft in der Pflege, weil er halt sehr anstrengend und nicht nur geistig sondern auch körperlich angeschlagen war.
Heute ist Jahrestag, vor 7 Jahren ist er gestorben.
Die ersten dreieinhalb Jahre der Pflege hatte ich aber wieder Glück mit ihm. Nach der Diagnose war er so erleichtert, dass er die ganzen Pflichten abgeben könnte, und hat sich meiner Obhut total anvertraut. Der Pflegedienst, beim Alzheimertreffen, in den Arztpraxen, auf Partys - alle waren von seinem lieben Charme verzaubert, er war der friedlichste und freundlichste Demente, den man sich vorstellen kann. Allerdings durfte ich ihn nicht eine Minute unbeaufsichtigt lassen, weil er dann irgendeinen Unsinn angestellt hat. Und trotzdem sind wir noch zwei mal in Urlaub gefahren, haben regelmäßig Ausflüge gemacht und konnten die Zeit miteinander genießen, waren albern, gemeinsames Lachen, auch über seine vielen Missgeschicke. Angenehm überrascht war ich von den Fremden, die uns überall geholfen haben, beim Einsteigen in öffentlichen Verkehrsmitteln, uns wurden Plätze frei gemacht, weil man ihm seine Krankheit angemerkt hat. Lächeln, Rücksichtnahme, das wurde mir von vielen entgegengebracht.
Nur ... die Freunde und Familie haben uns mit der Zeit leider ziemlich im Stich gelassen, sie kamen mit dem veränderten Herbie nicht klar und haben sich am Ende zurückgezogen, wo wir sie gerade so dringend gebraucht hätten. Mir blieben nur ganz wenige, die uns bis zum Schluss begleitet haben.
Die paar Jahre Stress und das langsame Sterben verblassen;
was in Erinnerung bleibt, ist die schöne Zeit, die tiefe Liebe.

Leider sind viele Menschen in Krisensituationen hilflos und überfordert. Dabei ist Anteilnahme und Hilfe gerade dann sehr wichtig.
Jetzt hat die ganze Welt eine Krisensituation.
Wachsen wir zusammen?
Gibt es Menschen in unserem Umfeld, die sich über Hilfe, Zuwendung, Lob, Anteilnahme, Freundschaft, Liebe, nur einen Anruf freuen?
Obwohl wir selber alle Angst haben und hilflos sind ... vielleicht gibt es ja Jemanden, dem es noch schlechter geht als uns?
Für den wir ein klitzekleines Bisschen da sein könnten?
Das kann ja jeder für sich selber entscheiden.
Aber ich wünsche es mir.
total schön. *drück*
 
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  • #15
Gute Idee, @Cosy , mal meine Geschichte:

Vor 42 Jahren hatte ich mein schönstes Date.
Eigentlich wollte ich mich gar nicht mit ihm treffen, weil er überhaupt nicht meinen Kriterien entsprach. Er war nicht größer als ich, nur ein kleiner Handwerker, sah zu gut aus, und ich wusste, dass er ein kleiner Casanova war, der die Frauen reihenweise vernascht hat. Ein halbes Jahr hatte er ganz zart und dezent gedrängelt, bis er mich überredet hatte. Wir waren in Hamburg im Dello Pub, eine kleine Pizzeria, haben dort in einer Kutsche gesessen bei Kerzenschein, leckere Pizza gegessen und süßen Lambrusco getrunken. Es war total romantisch. Anschließend noch eine kleine Nachtwanderung an der Binnenalster. An diesem Abend hat sich ein Riesenschwarm Schmetterlinge in meinem Bauch gesammelt. Mit der Zeit wurde daraus Liebe. Nicht die große Liebe mit Pauken, Trompeten und Fanfaren, sondern eine kleine Liebe mit Harfen und Violinen. Er hatte nix für Kunst und Kultur übrig, auch nicht für meine ganzen sportlichen Tätigkeiten, die ich dann im Laufe der Zeit alle ihm zuliebe aufgegeben hatte. Schließlich bin ich zu ihm gezogen, habe meinen Beruf aufgegeben, seinen Betrieb vergrößert und einen zweiten gegründet, Kinder in die Welt gesetzt, Haus gebaut, Baum gepflanzt, wir hatten ein schönes friedliches Leben, ohne Zank und Streit, mit vielen Menschen und Highlife. Und ... er war der perfekte Partner und Vater. Ich war glücklich.
Nach 25 Jahren lief dann leider alles schief, er hatte sich verändert. Ehe kaputt, wir lebten allerdings in einer WG weiter. Bis ich nach sechs Jahren merkte, dass er krank war. Alzheimer, und der schon im mittleren Stadium. Nun hatte ich vier Jahre anstrengende Pflege vor mir. Es kamen noch Lewy-Body- sowie vaskuläre Demenz dazu, Parkinson, Dysphagie, außerdem noch diverse andere übliche kleinere Alterskrankheiten. In den letzten Monaten wurde es dann eine 24-Stundenbereitschaft in der Pflege, weil er halt sehr anstrengend und nicht nur geistig sondern auch körperlich angeschlagen war.
Heute ist Jahrestag, vor 7 Jahren ist er gestorben.
Die ersten dreieinhalb Jahre der Pflege hatte ich aber wieder Glück mit ihm. Nach der Diagnose war er so erleichtert, dass er die ganzen Pflichten abgeben könnte, und hat sich meiner Obhut total anvertraut. Der Pflegedienst, beim Alzheimertreffen, in den Arztpraxen, auf Partys - alle waren von seinem lieben Charme verzaubert, er war der friedlichste und freundlichste Demente, den man sich vorstellen kann. Allerdings durfte ich ihn nicht eine Minute unbeaufsichtigt lassen, weil er dann irgendeinen Unsinn angestellt hat. Und trotzdem sind wir noch zwei mal in Urlaub gefahren, haben regelmäßig Ausflüge gemacht und konnten die Zeit miteinander genießen, waren albern, gemeinsames Lachen, auch über seine vielen Missgeschicke. Angenehm überrascht war ich von den Fremden, die uns überall geholfen haben, beim Einsteigen in öffentlichen Verkehrsmitteln, uns wurden Plätze frei gemacht, weil man ihm seine Krankheit angemerkt hat. Lächeln, Rücksichtnahme, das wurde mir von vielen entgegengebracht.
Nur ... die Freunde und Familie haben uns mit der Zeit leider ziemlich im Stich gelassen, sie kamen mit dem veränderten Herbie nicht klar und haben sich am Ende zurückgezogen, wo wir sie gerade so dringend gebraucht hätten. Mir blieben nur ganz wenige, die uns bis zum Schluss begleitet haben.
Die paar Jahre Stress und das langsame Sterben verblassen;
was in Erinnerung bleibt, ist die schöne Zeit, die tiefe Liebe.

Leider sind viele Menschen in Krisensituationen hilflos und überfordert. Dabei ist Anteilnahme und Hilfe gerade dann sehr wichtig.
Jetzt hat die ganze Welt eine Krisensituation.
Wachsen wir zusammen?
Gibt es Menschen in unserem Umfeld, die sich über Hilfe, Zuwendung, Lob, Anteilnahme, Freundschaft, Liebe, nur einen Anruf freuen?
Obwohl wir selber alle Angst haben und hilflos sind ... vielleicht gibt es ja Jemanden, dem es noch schlechter geht als uns?
Für den wir ein klitzekleines Bisschen da sein könnten?
Das kann ja jeder für sich selber entscheiden.
Aber ich wünsche es mir.
Ich fände eher interessant, wie Du darauf kamst, dass er Dich nicht auch nur vernaschen will? Oder war Dir das egal?