Fraunette

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  • #1

Dem/Der Ex verzeihen .... wie?

Mein Ex hat mich nach 31 Jahren Beziehung ein Jahr lang betrogen und ich habe ihn ganz klassisch mit ihr erwischt (nur via Telefon). Er hat sich daraufhin von mir getrennt und führt mit ihr eine Fernbeziehung.

Nach einer sehr furchtbaren Zeit habe ich mein Leben wieder in den Griff bekommen, bin aktiver, fröhlicher und lebenslustiger als noch während unserer Beziehung. Ich habe viel über mich und unsere Beziehung gelernt, bin aus der Opferrolle raus, habe meinen Status als Single angenommen und genieße diese Freiheit, blicke nach vorne und bin teilweise sogar dankbar, denn ich habe seitdem so viel Schönes erlebt, so viele Menschen kennenlernen dürfen und meine Sicht auf viele Dinge hat sich total geändert.

Das einzige, was mich noch (zu sehr) beschäftigt ist, dass ich immer noch Groll gegen meinen Ex spüre, wenn ich an seine Lügen und den Betrug denke (was nur noch selten vorkommt, mich aber trotzdem nervt). Ich weiß, dass ich ihm "verzeihen" muss. Nicht zu verwechseln mit Gutheißen. Ich habe mittlerweile verstanden, dass es ihm seinerzeit nicht möglich war, anders zu handeln. Ich weiß, dass er mittlerweile vieles bereut. Vom Kopf her weiß ich das alles, aber ich glaube, um wirklich ganz frei zu werden, muss ich ihm "irgendwie von Herzen verzeihen".

Nun meine Frage an diejenigen, die ihrem/ihrer Ex so etwas verziehen haben: wie habt ihr das gemacht?
 
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Friederike84

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  • #2
Nun meine Frage an diejenigen, die ihrem/ihrer Ex so etwas verziehen haben: wie habt ihr das gemacht?

Ich war mal bei einem Vortrag von Petra Bock zu ihrem damals neuen Buch ("Mindfuck love").
Sie hat eine Übung mit dem Publikum durchgeführt: Man sollte sich seinen (Ex-)Partner von einer Wolke aus betrachtet nur mal einige Minuten beobachten, ohne Wertung, möglichst die erwachsene Perspektive einnehmend und im ersten Schritt nur schauen wie er ist und was er macht. Mir fehlen gerade bessere und treffende Worte, sie hat das hundertfach schöner erklärt.
Jedenfalls wurde mir klar, als ich ihn vor meinem inneren Auge sah, wie völlig unabhängig er von mir und "für sich" er dabei ist, wie wenig er mich braucht und wie selbst-genügsam und friedlich, zufrieden er ist bzw. ohne mich sein kann.
Auch wenn mich das unfassbar traurig gemacht hat, hat mir das Bild geholfen ihn in seiner Nicht-Liebe mir gegenüber zu betrachten und die Wut, Traurigkeit und den Frust bei mir zu lassen. Damit fing das Verzeihen an bei mir...

Unsere Situationen sind zutiefst unterschiedlich.
Vielleicht hilft wenigstens der Buchtipp ;)
 
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fleurdelis*

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  • #3
Eigentlich würde ich dir gerne antworten, aber du hast das ausgeschlossen ... :) weil: ich verzeihe nicht .... Wer mich bewusst anlügt, es nicht auf die Reihe bekommt, Sachverhalte mit jeglicher Konsequenz zu klären, nimmt dabei in Kauf, mir Schaden zuzufügen..... Und emotionale Schmerzen, Kummer, ist ein Schaden, der dem anderen in dem Moment egal ist, weil, wer lügt, weiß das. Groll empfinde ich hier als normal und gerechtfertigt, ich zwinge mich nicht dazu, ihm zu verzeihen. Für mich bedeutet, diesen Menschen aus meinem Leben zu entfernen, meine Lösung und meine Heilung, der Rest ist mir egal. Die Position zu „verzeihen“ habe ich meiner Meinung nach nicht inne.
 
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Sohna

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  • #4
Ich habe eine Trennung nach so vielen Jahren noch nicht durchgemacht, das ist sicher noch mal ein anderer Stiefel. Meine Erfahrung (und ich habe bisher immer verziehen): es braucht Zeit! Annehmen und Zeit geben! Du tust meiner Ansicht nach alles, was es braucht: Du sorgst für Dich, hast Freude am Leben und schaust auf ihn aus erwachsener Sicht. Schlimmer ist meiner Erfahrung nach, wenn die Wut keinen Platz bekommt, denn dann trennt sich das Herz nicht und man bleibt verhaftet in der alten Beziehung.
 
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Friederike84

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  • #5
Für mich bedeutet, diesen Menschen aus meinem Leben zu entfernen, meine Lösung und meine Heilung, der Rest ist mir egal.
Ich finde das schließt sich nicht aus.
Ich habe ihn aus meinem Leben entfernt, ich wurde oft und lange belogen, hingehalten etc.und will ihn nicht mehr sehen oder irgendwie Kontakt. Und trotzdem kann ich lernen zu vergeben und Verantwortung für die Situation übernehmen, versuchen die Lage im Kern als das betrachten, was sie war: Unglücklich. Sonst wäre all das nicht passiert.
 
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Fraunette

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  • #6
Eigentlich würde ich dir gerne antworten, aber du hast das ausgeschlossen ... :) weil: ich verzeihe nicht .... Wer mich bewusst anlügt, es nicht auf die Reihe bekommt, Sachverhalte mit jeglicher Konsequenz zu klären, nimmt dabei in Kauf, mir Schaden zuzufügen..... Und emotionale Schmerzen, Kummer, ist ein Schaden, der dem anderen in dem Moment egal ist, weil, wer lügt, weiß das. Groll empfinde ich hier als normal und gerechtfertigt, ich zwinge mich nicht dazu, ihm zu verzeihen. Für mich bedeutet, diesen Menschen aus meinem Leben zu entfernen, meine Lösung und meine Heilung, der Rest ist mir egal. Die Position zu „verzeihen“ habe ich meiner Meinung nach nicht inne.
Leider kann ich ihn nicht komplett aus meinem Leben entfernen, wegen der Kinder (ja, meine Kinder sind schon "groß" und klären alles selbst mit ihm, ich bleibe da außen vor {das ist für mich auch völlig ok}). Es gibt immer wieder (selten) Berührungspunkte.
Ich glaube, für mich ist es wichtig ihm zu "verzeihen" - ich möchte keinen Groll mehr spüren, egal wie selten es noch vorkommt. Diesen Teil möchte ich auch noch irgendwie loswerden. Ich finde aber irgendwie keine Antwort darauf, wie das funktionieren soll.
 
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fleurdelis*

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  • #7
Ich finde das schließt sich nicht aus.
Ich habe ihn aus meinem Leben entfernt, ich wurde oft und lange belogen, hingehalten etc.und will ihn nicht mehr sehen oder irgendwie Kontakt. Und trotzdem kann ich lernen zu vergeben und Verantwortung für die Situation übernehmen, versuchen die Lage im Kern als das betrachten, was sie war: Unglücklich. Sonst wäre all das nicht passiert.

Aus psychologischer Sicht bringt "vergeben", oder "verzeihen" keinen Vorteil. Es fühlt sich, trotz dass @Fraunette geschrieben hat, in der Differenz zum "gutheißen" dennoch miteinander verbunden. Wichtig dabei ist es, Gefühle zuzulassen und Groll darf erlaubt sein. Verzeihen ist ein religiöses Konstrukt ... das einem Menschen im eigentlichen Sinne nicht möglich ist. Wenn man es mit: "loslassen" erklären würde, wäre ich einverstanden.
 
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Sohna

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  • #8
Groll empfinde ich hier als normal und gerechtfertigt, ich zwinge mich nicht dazu, ihm zu verzeihen. Für mich bedeutet, diesen Menschen aus meinem Leben zu entfernen, meine Lösung und meine Heilung,
Ich glaube das ist keine Heilung...Es erstmal eine Lösung, ja! Um Zwingen geht es nicht, aber Wut in sich zu tragen fühlt sich nicht gut an, außer sie ist für irgendetwas nütze... z.B. um Abstand zu schaffen, um auf sich zu schauen, um erst mal eine emotionale Mauer zu ziehen. Wird die Wut zum Selbstzweck, beginnt sie zu zerstören...
 
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*Andrea*

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  • #9
Einen schönen Sonntag, @Fraunette!
Ich habe zwar keine Erfahrung darin, von einem Partner betrogen worden zu sein, und bin sehr froh darüber.
Dagegen habe ich Erfahrungen mit Wut und Groll allgemein, und ich denke, das was ich im Umgang damit gelernt habe, könnte auch für dich allenfalls hilfreich sein. Ich hoffe, es ist OK, wenn ich das hier berichte.

Bei mir habe ich entdeckt, dass hinter Wut und Groll eigentlich immer Schmerz steckt. Ich reagiere mit Ärger oder Empörung, wenn ich vermeiden will, diesen Schmerz zu spüren, den Schmerz, der aus alten Übergriffen, nicht ernst genommen werden, nicht respektiert werden, missachtet, ausgelacht, lächerlich gemacht werden und Ähnlichem entstanden ist. Wenn ich so einen Groll bei mir feststelle, dann - so habe ich gemerkt - ist es hilfreich, wenn ich versuche, den Schmerz dahinter zuzulassen, ihm Raum zu geben, ohne Angst. Diesem Schmerz im Körper nachzuspüren. Wo fühlt er sich wie an? Manchmal wird dann der Schmerz noch stärker, z.B. wenn ich entdecke, dass darunter ein ganz heftiges Gefühl, z.B. von komplettem Alleingelassen werden, von nicht ich sein dürfen, oder von tiefer Ohnmacht steckt. Wenn es mir dann gelingt, diesen Schmerz nochmals ganz deutlich und ohne Angst zu spüren und ihm Raum und Ausdruck zu geben (z.B. so lange es braucht, darüber zu weinen), dann kann sich in mir drin etwas verändern. Ich habe das mehrfach so erlebt. Nachdem ich dem Schmerz ins Auge gesehen und ihn zugelassen habe, war der Groll, die Wut verändert, ganz weg oder zumindest weniger stark, sodass sie mich nicht mehr behindert oder eingeschränkt hat, sodass ich wieder konstruktiver mit den "Verursachern" umgehen konnte oder auch nicht mehr in ähnlichen Situationen getriggert wurde.

Vielleicht hilft das auch dir?
Es gelingt vielleicht nicht sofort. Manchmal braucht es eine Weile, sich langsam an den Schmerz und die Trauer heranzutasten, bis sie dann irgendwann ganz spürbar werden.

Auf jeden Fall finde ich es mega schön von dir, dass du diesen Groll loswerden und deinem Ex verzeihen willst. Ich wünsche dir dabei (und natürlich auch sonst) alles Gute und viel Erfolg!
 
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Fraunette

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  • #11
Ich habe eine Trennung nach so vielen Jahren noch nicht durchgemacht, das ist sicher noch mal ein anderer Stiefel. Meine Erfahrung (und ich habe bisher immer verziehen): es braucht Zeit! Annehmen und Zeit geben! Du tust meiner Ansicht nach alles, was es braucht: Du sorgst für Dich, hast Freude am Leben und schaust auf ihn aus erwachsener Sicht. Schlimmer ist meiner Erfahrung nach, wenn die Wut keinen Platz bekommt, denn dann trennt sich das Herz nicht und man bleibt verhaftet in der alten Beziehung.
Ich glaube, es ist egal wie lange man zusammen war. Die Wut, die Ohnmacht, der Hass hatten lange ihren Platz. Ich habe nicht gewusst, mit welcher Intensität man Wut und Hass (vor allem Hass) verspüren kann. Ich war erschrocken über meine eigenen Gefühle.

@*Andrea* , das was du da beschrieben hast, kann ich sehr gut nachvollziehen, denn genau das habe ich schon "hinter mir". Ich musste lernen, den Schmerz zuzulassen, ihn zu betrachten und zu bewerten. Vor allem aber ihn zuzulassen, das viel mir anfangs extrem schwer, aber irgendwann war er da, hat mich regelrecht umgehauen, und jetzt habe ich ihn "verdaut" und ich weiß, dass Verdrängen total bescheuert ist. ;)
 
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LC85

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  • #12
Nun meine Frage an diejenigen, die ihrem/ihrer Ex so etwas verziehen haben: wie habt ihr das gemacht?
Ich wurde zwar nicht betrogen, hatte aber sehr viele Gründe um mich von meinem Ex zu trennen. Mein Problem ist eher, dass ich viel zu schnell verzeihe, obwohl ich manchmal einigen Menschen gegenüber sehr nachtragend sein kann.
Menschen können sich auch während einer Beziehung in jemand Anderes verlieben. Ich glaube nicht, dass irgendjemand so etwas direkt seinem Partner erzählt. Natürlich rechtfertigt es nicht das Fremdgehen und Lügen. Vielleicht hilft es dir daran zu denken, dass er wahrscheinlich einfach deine Gefühle nicht verletzen wollte und Angst vor deiner Reaktion hatte.
 
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  • #13
Diesen Teil möchte ich auch noch irgendwie loswerden.
Ich vermute, dass es "einfach" noch etwas mehr Geduld bedarf und du da nichts wirklich aktiv machen musst.
Ich könnte mir sogar vorstellen, dass aktive Unternehmungen diesbezuglivh kontraproduktiv sein können. Viel sinnvoller erscheint mir in deinem beschriebenen Fall (da es eh nur noch ab und zu aufploppt und du schon viel Aufräumarbeit geleistet zu haben scheinst) zu sein, dem keine überbordende Aufmerksamkeit zu schenken. Es zu akzeptieren, wenn es passiert und es wieder gut sein zu lassen. Irgendwann, u.U. in einem Moment zu dem du es sonst gefühlt hättest und du dich wunderst, dass du es jetzt nicht tust, fragst du dich, wann es das letzze Mal vorkam und du wirst dich nicht mehr erinnern können....

Kennst du die Ansicht, dass man etwas nicht aktiv nicht-denken kann?
Aus der Richtung komme ich.
 
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fleurdelis*

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  • #14

Du brauchst einen Namen einer Theorie? ... Den kann ich dir nicht geben, es sind Erkenntnisse aus jahrelanger Forschung in der Traumatherapie, die dazu geführt haben, dass bei einem Menschen, der emotionalen Schaden genommen hat, die "Theorie" des vergebens mit "gutheißen" gleich gesetzt wird. Was aus psychologischer Sicht bedeuten würde, das Opfer müsste die Taten des Täters gutheißen. Lügen und Betrügen sind Taten, die zu emotionalen Schäden führen. Was wäre mit einem Menschen, der ein Kind missbraucht hat, möchte man das Opfer dazu drängen, dem Täter zu verzeihen? .... Wieso dann in einer "kleineren" Angelegenheit? ..... Wenn ich hier von "nicht verzeihen" schreibe, hat das nicht mit der im kirchlichen gemeinten "Verdammung" zu tun. Wenn z.B. @Fraunette sich dazu zwingen möchte, zu verzeihen und es nicht schafft, müsste man sich mal fragen: warum geht das nicht? Vielleicht ist es auch nicht vorgesehen.
 
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Deleted member 20013

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  • #15
@fleurdelis*
Also ich kenne Vergeben völlig ohne Gutheißen.
Bei mir basiert das Vergeben auf Verständnis. Verständnis kommt bei mir keineswegs Hand in Hand mit Gutheißen. Erst auf das Verstehen und Vergeben erfolgt bei mir das Loslassen.
 
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Fraunette

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  • #16
Ich vermute, dass es "einfach" noch etwas mehr Geduld bedarf und du da nichts wirklich aktiv machen musst.
Ich könnte mir sogar vorstellen, dass aktive Unternehmungen diesbezuglivh kontraproduktiv sein können. Viel sinnvoller erscheint mir in deinem beschriebenen Fall (da es eh nur noch ab und zu aufploppt und du schon viel Aufräumarbeit geleistet zu haben scheinst) zu sein, dem keine überbordende Aufmerksamkeit zu schenken. Es zu akzeptieren, wenn es passiert und es wieder gut sein zu lassen. Irgendwann, u.U. in einem Moment zu dem du es sonst gefühlt hättest und du dich wunderst, dass du es jetzt nicht tust, fragst du dich, wann es das letzze Mal vorkam und du wirst dich nicht mehr erinnern können....

Kennst du die Ansicht, dass man etwas nicht aktiv nicht-denken kann?
Aus der Richtung komme ich.
Mmmh, ja dieses nicht aktiv nicht-denken kenne ich, habe einiges darüber gelesen und das hat mir wohl auch schon geholfen.
Ich glaube auch, dass ich zu ungeduldig bin. Zuviel in zu kurzer Zeit fordere.
Verständnis: ja, ich glaube mit meiner Erkenntnis, dass er seinerzeit nicht in der Lage war, anders zu handeln, wird sich bei mir etwas tun. Für diese Erkenntnis habe ich aber lange gebraucht (wahrscheinlich völlig normal, nur mir geht das alles viiiiel zu langsam o_O und ich weiß, dass alles seine Zeit braucht). Ich bin ein Mensch, der schlecht abwarten kann. Ich habe immer das Gefühl, ich muss aktiv werden, damit sich etwas (oder in mir) verändert. Geduld haben muss ich noch üben. :oops:
 

AlexBerlin

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  • #17
Ich war über 20 Jahre verheiratet.
Diese Phasen durch die man durch muss sind bekannt, völlig normal, und sie verlaufen bei jedem unterschiedlich, auch unterschiedlich lange, denke ich.
Ich konnte anfangs mit meinem Mann kaum in einem Raum sein, so wütend war ich. Auch bei mir gab es Kinder und daher ebenfalls nicht die Möglichkeit, ihn komplett aus meinem Leben zu streichen.
Gedauert hat es von hilfloser Wut bis „absolut neutral“ ca. 7 Jahre.
Formal hatten wir immer ein gutes Verhältnis. Ich bin Kopfmensch, emotionale Ausbrüche sind nicht mein Ding.
Meine Wut habe ich meist unter Ausschluss meines Umfeldes mit mir selbst ausgemacht, aber ich habe sie immer zugelassen.
Wenn es aber mit der Zeit eher sinnlose Wut war, die auch keinen „reinigenden“ Charakter mehr hatte, dann habe ich versucht, mich abzulenken. Botschaft an mich war dann: „Ok, er ist ein Vollpfosten, aber wenn Du Dich jetzt aufregst, leidest nur Du.“
Abkürzen kann man das nicht, glaube ich.
 
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Sohna

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  • #18
Du brauchst einen Namen einer Theorie? ... Den kann ich dir nicht geben, es sind Erkenntnisse aus jahrelanger Forschung in der Traumatherapie, die dazu geführt haben, dass bei einem Menschen, der emotionalen Schaden genommen
Das ist als theoretische Basis völlig ausreichend (gerade kam ein "scobel" zu psychischer Gewalt) ... ich sehe, es gibt hier ein Definitionsproblem, was das "Vergeben" anbetrifft. Selbst im christlichen Sinne sehe ich Vergeben eher wie @Synergie es beschreibt, nicht als "Gutheißen", sondern loslassen. Das Verhaftet-Sein in der gewiss traumatischen Erfahrung ist neurobiologisch sicher genauso zerstörerisch, wie ein Gutheißen des Handelns des/r Anderen.
Wenn ich von Verzeihen/Vergeben spreche, dann bedeutet es, ich kann den anderen wieder unabhängig von meiner Verletzung betrachten, als eigenständiger Mensch, mit dem ich eine Geschichte hatte. Dieser Geschichte bringe ich Respekt entgegen.
 
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fleurdelis*

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  • #19
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  • #20
Mein Ex hat mich nach 31 Jahren Beziehung ein Jahr lang betrogen und ich habe ihn ganz klassisch mit ihr erwischt (nur via Telefon). Er hat sich daraufhin von mir getrennt und führt mit ihr eine Fernbeziehung.

Nach einer sehr furchtbaren Zeit habe ich mein Leben wieder in den Griff bekommen, bin aktiver, fröhlicher und lebenslustiger als noch während unserer Beziehung. Ich habe viel über mich und unsere Beziehung gelernt, bin aus der Opferrolle raus, habe meinen Status als Single angenommen und genieße diese Freiheit, blicke nach vorne und bin teilweise sogar dankbar, denn ich habe seitdem so viel Schönes erlebt, so viele Menschen kennenlernen dürfen und meine Sicht auf viele Dinge hat sich total geändert.

Das einzige, was mich noch (zu sehr) beschäftigt ist, dass ich immer noch Groll gegen meinen Ex spüre, wenn ich an seine Lügen und den Betrug denke (was nur noch selten vorkommt, mich aber trotzdem nervt). Ich weiß, dass ich ihm "verzeihen" muss. Nicht zu verwechseln mit Gutheißen. Ich habe mittlerweile verstanden, dass es ihm seinerzeit nicht möglich war, anders zu handeln. Ich weiß, dass er mittlerweile vieles bereut. Vom Kopf her weiß ich das alles, aber ich glaube, um wirklich ganz frei zu werden, muss ich ihm "irgendwie von Herzen verzeihen".

Nun meine Frage an diejenigen, die ihrem/ihrer Ex so etwas verziehen haben: wie habt ihr das gemacht?

Ich denke, es braucht vielleicht bei dir noch mehr Zeit - nach 31 Jahren ist das nicht in ein paar Jahren vorbei.
Aber du bist am richtigen Weg, wenn du erkennst, dass es nicht nur den Täter und das Opfer gibt - in einer Beziehung sind immer zwei an allem beteiligt. Auch am Scheitern. Und diese eigenen Anteile zu erkennen und anzunehmen hilft ungemein auch die der anderen Seite anders zu sehen.
Und die Erkenntnis, was in deinem Leben jetzt möglich und wunderbar ist, was du sonst ziemlich sicher nie gemacht hättest, tut ein Übriges.
Ich würde es vielleicht auch nicht so sehr am verzeihen festmachen, sondern mit dir und ihm im Reinen sein.
Ab und zu auftauchender Ärger oder vielleicht mehr Trauer über das, was nicht mehr sein wird ist meines Erachtens normal (keine Ahnung, ob das jemals ganz verschwindet - ich glaube nicht, schließlich bleiben bei Verlust und Verletzungen immer Narben) - aber sei da mit dir nachsichtig.
 
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Fraunette

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  • #21
Wenn ich von Verzeihen/Vergeben spreche, dann bedeutet es, ich kann den anderen wieder unabhängig von meiner Verletzung betrachten, als eigenständiger Mensch, mit dem ich eine Geschichte hatte. Dieser Geschichte bringe ich Respekt entgegen.
Danke, das ist genau das, was ich mir wünsche. Das klappt meistens auch ganz gut. Nur wenn ich ihn sehe, dann "tickt irgendetwas bei mir aus". Das ist, als würde ein Vorhang fallen und auf der Bühne steht eine wütende Frau die nur an seine Lügen und den Betrug denken kann. Ist er wieder weg ist meine "Denke" wieder "normal". Irgendwie schaffe ich es noch nicht, dass der Vorhang oben bleibt und die wütende Frau weniger Raum bekommt.
 
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  • #22
Danke, das ist genau das, was ich mir wünsche. Das klappt meistens auch ganz gut. Nur wenn ich ihn sehe, dann "tickt irgendetwas bei mir aus". Das ist, als würde ein Vorhang fallen und auf der Bühne steht eine wütende Frau die nur an seine Lügen und den Betrug denken kann. Ist er wieder weg ist meine "Denke" wieder "normal". Irgendwie schaffe ich es noch nicht, dass der Vorhang oben bleibt und die wütende Frau weniger Raum bekommt.
Eben - Du schaffst es NOCH nicht. Dann braucht es halt noch eine Weile. Wenn Du das akzeptierst, machst Du Dir weniger Stress und vielleicht geht es sogar schneller. Es hat dann nicht mehr eine so große Bedeutung.
 
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AlexBerlin

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  • #23
... Das ist, als würde ein Vorhang fallen und auf der Bühne steht eine wütende Frau die nur an seine Lügen und den Betrug denken kann.

Geh auf die Metaebene und schreib das Drehbuch neu:

Szene: In der Wohnung

Der Nichtswürdige klingelt an der Tür. Die Heldin öffnet huldvoll. Er wirft einen vorsichtigen Blick auf sie: Sie sieht toll aus!
„Was für ein Idiot war ich, das alles aufzugeben!“, scheint durch sein Hirn zu schießen, aber da hat er sich schon wieder gefangen:
„Hallo Fraunette, ich komme wegen der Kinder“. „Ich gehe sie holen, sie sind schon fertig“, entgegnet die Heldin gleichgültig.

Ein wenig hilflos steht der Nichtswürdige im Flur herum, bis Heldin und Kinder zurückkehren.

> Nichtswürdiger und Kinder ab. <

Gaaanz vorsichtig beginnt die Heldin zu grinsen: „Yesssss!“
 
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  • #24
Da fällt mir nur eine Frage ein: Für wen machst du das? .... Aber das wird OT ... und ich möchte den Thread hier nicht durcheinander bringen.
für sich.
Verzeihen ist ein Teil des Loslassens.
Wer verziehen hat, ist frei. Frei von den Gefühlen wie Wut, Hass und Groll.
Das ist ja das Ziel.

Theoretisch ihm über den Weg laufen, ohne dass negative Gefühle hochkommen.

Nicht einfach.
Erst kommt ein Schockzustand. Oder das Kämpfen.
Dann die Einsicht. Trauer.
Dann Wut.
Erklärungen suchen.
Irgendwann vielleicht Verständnis (für die verletzende Person). Nicht im Sinne "ich würde genauso...". Eher "er hatte seine Gründe", "ihm fehlte etwas"...Akzeptanz.
Dann kommt man dem Verzeihen schon nahe.

Es braucht natürlich Abstand.
Vielleicht hilft auch der Gedanke: "es war nicht sein Primär-Ziel, mich zu verletzen" (er nahm es halt in Kauf, möglicherweise ohne darüber nachzudenken)
 
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Friederike84

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  • #25
Das ist, als würde ein Vorhang fallen und auf der Bühne steht eine wütende Frau die nur an seine Lügen und den Betrug denken kann

Da stellt sich mir die Frage, ob er diese Furie mal zu spüren bekommen hat. Kennt er deine Wut? Wurde er mal gezwungen sich diesen Fragen zu stellen? Ich halte ja persönlich nix mehr davon einen Brief zu schreiben um ihn dann anschließend zu verbrennen ;)
Lesen muss er es oder hören und sehen.
Auf mich wirkt er verschont und du schleppst diesen Ärger mit dir herum und nimmst es dir sogar übel nicht milde und verzeihlich damit umzugehen.
Nur ein Gedanke - vielleicht liege ich falsch :)
 
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Look

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  • #26
Hallo Fraunette, gab es ein klärendes Gespräch
miteinander ?
Konntest Du Dir Raum nehmen und
für Dich Stellung beziehen zu seinem verletzenden Verhalten Dir gegenüber?
 
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fleurdelis*

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  • #27
für sich.
Verzeihen ist ein Teil des Loslassens.
Wer verziehen hat, ist frei. Frei von den Gefühlen wie Wut, Hass und Groll.
Das ist ja das Ziel.

Das stimmt einfach nicht .... manchmal würde mich interessieren ... ob der Autor eines solchen Kommentars wirklich weiß, was er geschrieben hat. .... Ich möchte einen sehen, der genau diese Definition, wie es hier wortwörtlich geschrieben steht ... exakt durchgeführt und erlebt hat oder umgesetzt hat ... Aber ich geb hier an dieser Stelle mein intervenieren auf ...
 
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Friederike84

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  • #28
Das stimmt einfach nicht .... manchmal würde mich interessieren ... ob der Autor eines solchen Kommentars wirklich weiß, was er geschrieben hat. .... Ich möchte einen sehen, der genau diese Definition, wie es hier wortwörtlich geschrieben steht ... exakt durchgeführt und erlebt hat oder umgesetzt hat ... Aber ich geb hier an dieser Stelle mein intervenieren auf ...

Ich stimme dir zu in puncto Loslassen vs. Verzeihen. Über die anderen Einwürfe muss ich länger nachdenken. Vielleicht hast du Recht.
 
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*Andrea*

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  • #29
@*Andrea* , das was du da beschrieben hast, kann ich sehr gut nachvollziehen, denn genau das habe ich schon "hinter mir". Ich musste lernen, den Schmerz zuzulassen, ihn zu betrachten und zu bewerten. Vor allem aber ihn zuzulassen, das viel mir anfangs extrem schwer, aber irgendwann war er da, hat mich regelrecht umgehauen, und jetzt habe ich ihn "verdaut" und ich weiß, dass Verdrängen total bescheuert ist. ;)
Das ist gut. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es da nicht doch vielleicht nochmals eine Runde "braucht", ob da vielleicht noch andere Aspekte sind, mit denen viel Schmerz verbunden ist, die du noch nicht "genügend" betrauert hast. (Die Anführungszeichen sollen darauf hinweisen, dass niemand von aussen sagen kann oder darf, dass es das braucht, sondern dass das individuell ist und dass auch nicht jeder das gleich ausführlich oder tief tun muss. Nicht jeder braucht die gleiche Verarbeitung und auch nicht Verarbeitung am selben Ort oder in derselben Reihenfolge. Vielleicht hat das auch etwas mit der von @fleurdelis* angeregten Diskussion hier im Thread zu tun.) Ich bin einfach unsicher, ob es überhaupt (heftigen) Groll geben kann ohne dass da noch ungesehener und unausgedrückter Schmerz darunter steckt. Vielleicht auch noch nicht am richtigen Ort oder an den richtigen Adressaten gerichteter Ausdruck des Schmerzes? Vielleicht macht es dich ja darum gerade dann besonders wütend, wenn du deinen Ex vor dir hast, weil du ihm gegenüber noch(mals) deinen Schmerz ausdrücken "solltest"?
 
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*Andrea*

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  • #30
Erst kommt ein Schockzustand. Oder das Kämpfen.
Dann die Einsicht. Trauer.
Dann Wut.
Erklärungen suchen.
Irgendwann vielleicht Verständnis (für die verletzende Person). Nicht im Sinne "ich würde genauso...". Eher "er hatte seine Gründe", "ihm fehlte etwas"...Akzeptanz.
Dann kommt man dem Verzeihen schon nahe.
Das ist eine schöne Beschreibung, dass es verschiedene Phasen gibt. Ich würde mir aber nicht so sicher sein, dass diese immer in derselben Reihenfolge ablaufen und auch nur jeweils einmal auftauchen. Aber vielleicht hast du das ja auch nicht so gemeint?