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*Andrea*

  • #2.086
Ich finde schon, zumindest in der kritisierten Disziplin.
Das stimmt doch nicht.
Man kann doch durchaus bei anderen kritisierungswürdige Verhaltensweisen oder Äusserungen sehen, auch wenn einem klar ist, dass man selbst manchmal diese Schwäche auch hat.

Nachtrag: Ich empfinde es sogar als ein Problem, dass oft die Kritik als dumm oder unpassend oder vernachlässigenswert oder böse eingeschätzt wird, mit der Bemerkung, der andere wolle sich bloss über einen erheben oder auch mit der Aussage, er habe diesen Fehler ja selbst auch. Dabei ändert dies doch an der Kritik und ihrer allfälligen Berechtigung rein gar nichts.
 
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Deleted member 21128

  • #2.087
Man kann doch durchaus bei anderen kritisierungswürdige Verhaltensweisen oder Äusserungen sehen, auch wenn einem klar ist, dass man selbst manchmal diese Schwäche auch hat.
Klar, aber die Frage ist ja, wann man das anspricht.
- Wenn man den Eindruck hat, der andere braucht den Hinweis?
- Wenn man möchte, dass der andere etwas ändert?
- ...
Ist Kritik angebracht, wenn man das selber auch nicht besser macht / kann?
 
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*Andrea*

  • #2.091
Klar, aber die Frage ist ja, wann man das anspricht.
- Wenn man den Eindruck hat, der andere braucht den Hinweis?
- Wenn man möchte, dass der andere etwas ändert?
- ...
Ist Kritik angebracht, wenn man das selber auch nicht besser macht / kann?
Kritik ist natürlich nur dann angebracht, wenn es wirklich etwas Kritisierungswürdiges ist, dann aber - so meine ich - unabhängig davon, ob der Kritikaussprecher das Problem selbst auch hat oder nicht.
Die Frage ist vielleicht eher, wie man die Kritik äussert. Und ebenso, wie man als Angesprochener die Kritik annehmen kann. Wenn man sich natürlich in dieser Position in erster Linie abgewertet und heruntergesetzt fühlt, dann wird man schwer zu einer konstruktiven Diskussion und noch weniger zu einer Veränderung kommen. Wenn der Kritisierende kritisiert, aber gleichzeititg zugibt, dass er selbst das Thema auch kennt, und der Kritisierte sich nicht als Person angegriffen fühlt, dann könnte dies viel eher dazu führen, eine (gemeinsame) Lösung zu finden. In dem Sinne wäre es wohl wünschenswert, mehr Fehlerkultur zu haben, sich nicht abgewertet zu fühlen, wenn man kritisiert wird und dem anderen dann vorwerfen zu müssen, dass er sich für etwas Besseres halte, was ja nicht stimme. Man könnte stattdessen erkunden, welche Bedingungen dazu führen, dass man diesen Fehler macht/dieses Problemverhalten zeigt, und vielleicht gemeinsam diese Bedingungen verändern.
 
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Deleted member 21128

  • #2.092
Guten Morgen liebe Andrea! :)
Kritik ist natürlich nur dann angebracht, wenn es wirklich etwas Kritisierungswürdiges ist
Natürlich. Und wer legt das fest? Ich denke, da sind der Sender und der Empfänger oft schon unterschiedlicher Auffassung.
Die Frage ist vielleicht eher, wie man die Kritik äussert.
Das ist sowieso klar. Meine ursprüngliche These war (und ist) aber, dass ich mich mit jeder Kritik über den anderen erhebe. Allein schon dadurch, dass ich mich berechtigt fühle, ihn zu kritisieren. Das ist immer anmaßend.
und der Kritisierte sich nicht als Person angegriffen fühlt
Das hat aber nicht (nur) der Sender in der Hand, sondern (vor allem) der Empfänger.
In dem Sinne wäre es wohl wünschenswert, mehr Fehlerkultur zu haben, sich nicht abgewertet zu fühlen, wenn man kritisiert wird
Ja, ein altbekanntes Konstrukt, das aber nicht wirklich funktioniert. Daher stelle ich den Nutzen von Kritik grundsätzlich in Frage. Ich kritisiere zB auch meine Mitarbeiter oder meine Kinder nie.
Man könnte stattdessen erkunden, welche Bedingungen dazu führen, dass man diesen Fehler macht/dieses Problemverhalten zeigt
Ja, das ist genau das, was passiert, wenn man jemanden verändern möchte, aber um die Kritik rumeiert. Da halte ich erst recht nichts davon.
 
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  • #2.093
Allein schon dadurch, dass ich mich berechtigt fühle, ihn zu kritisieren. Das ist immer anmaßend.
Das schwingt immer mit, ja. Deshalb ist es in meinen Augen Sache des Kritisierenden klarzumachen, dass die Kritik nicht das Ziel des Sicht-über-den-anderen-Erhebens hat, sondern auf eine Verbesserung auf der Sachebene abzielt.

Ja, ein altbekanntes Konstrukt, das aber nicht wirklich funktioniert.
Hmm, dem würde ich so pauschal ganz sicher nicht zustimmen. Klar ist das manchmal schwierig. Aber meiner Erfahrung nach kann sachliche Kritik ganz wunderbar funktionieren, wenn im entsprechenden Umfeld Kritikifähigkeit in beiden Richtungen entsprechend kultiviert wird, wenn man lernt angemssen zu kritisieren und mit angemessener sachlicher Kritik entsprechend umzugehen.

In meinem Umfeld, sowohl privat als auch beruflich, ist sachliche Kritik, eine harte sachlich-inhaltliche Auseinandersetzung,unverblümte und manchmal vielleicht auch im ersten Moment schmerzhafte Kritik, völlig normal, ich kenne das gar nicht anders. Aus meiner Sicht leistet ein offener, ehrlicher und kritischer Umgang miteinander auf der Sachebene einen wichtigen Beitrag dazu, dass weniger Dinge von der Sachebene auf eine persönliche Ebene abrutschen, dass sachlich-fachliche Differenzen auf der passenden Ebene gelöst werden und nicht zu Stellvertreterkriegen auf der persönlichen Ebene führen.
 
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Deleted member 21128

  • #2.094
So weit die Theorie, @Sine Nomine
Kannst du mir bitte mal ein Beispiel für eine solche angemessene und sachliche Kritik geben?
 
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  • #2.095
Kannst du mir bitte mal ein Beispiel für eine solche angemessene und sachliche Kritik geben?
Schwierig, die Schärfe in der bei uns manchmal kritisiert wird rüberzubringen, ohne dass Du den konkreten Kontext halbgwegs nachvollziehen kannst.

Ich versuch's trotzdem mal: Stell Dir vor, einer meiner Mitarbeiter soll eine Präsentation vorbereiten, die dem Geldgeber vermittelt, dass seine Fördergelder bei uns gut angelegt waren. Was kommt ist tolle Wissenschaft auf wirren Folien. Wenn man weiß, wieviel Arbeit und welche spannenden Dinge sich hinter Diagramm A verbergen und warum das für Diagramm B wichtig ist hinter dem noch mehr Arbeit steckt, schön. Wenn nicht, dann sieht man bunte Linien. Was fehlt sind eine klare Struktur, ein Bezug zum Arbeitplan des Projekts, Bezüge zu den Projektpartnern und derlei Dinge. Der Mitarbeiter ist ein exzellenter Wissenschaftler, die Folien sind reine Wissenschaft, es fehlt jedwede (forschungs-)politische Dimension und Einordnung.
Kurz: Die Folien sind für den Zweck völlig unbrauchbar, zudem sieht man ihnen an, dass sie irgendwann zwischen 12:00 und Mittag zusammenstrickt wurden (unterschiedliche Formatierung der Folienköpfem etc.), der Kollege wollte ja schnell wieder ins Labor, weiterforschen.
Das bekommt der Mitarbeiter genau so um die Ohren gehauen. Er weiß aber, dass ich ihn als Kollegen und Menschen sehr schätze, meine Kritik sich auf die Folien und nicht auf ihn als Person und auch nicht als Wissenschaftler bezieht und ich sie nicht äußere, um ihn runterzumachen, sondern damit am Ende Folien präsentiert werden, die gut genug sind den Projektträger auch das nächste Projekt unterstützen zu lassen, also damit sein Kühlschrank auch die nächsten drei Jahre wieder gut gefüllt und die Wohnung warm ist.
 
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Deleted member 21128

  • #2.096
@Sine Nomine Danke für das Beispiel.
Hier reden wir zunächst mal eher über fachliche Kritik, das ist imho nochmal etwas anderes.
Bei deinem Beispiel würde ich erstmal Bedarf für Nachschulung bzw. eine konkretere Auftragsvergabe sehen, denn wenn ein MA nicht weiß, was von ihm erwartet wird bzw. das nicht kann, brauche ich ihn ja sowieso nicht kritisieren. Da du hier aber scharfe Kritik für angemessen hältst, scheinst du wohl eher die Einschätzung zu haben, dass der Auftrag klar war und die Kenntnisse dafür vorhanden. Dann stellt sich also die Frage, warum er nicht danach handelt. Und da wären wir dann auf der persönlichen Ebene.
- Keinen Bock? Kann ich mir schwer vorstellen.
- Keine Zeit? Dann braucht er Unterstützung.
- ...
Mir fehlt hier nach wie vor die Erkenntnis, dass konstruktive Kritik hilfreich ist. Und auch die Formulierung
Das bekommt der Mitarbeiter genau so um die Ohren gehauen.
impliziert ja schon, dass es "von oben herab" stattfindet.
Er weiß aber, dass ich ihn als Kollegen und Menschen sehr schätze, meine Kritik sich auf die Folien und nicht auf ihn als Person und auch nicht als Wissenschaftler bezieht und ich sie nicht äußere, um ihn runterzumachen,
Das ist naiv. Würdest du wollen, dass man so mit dir umgeht? Was bringt dir das? Darf dein Mitarbeiter dir auch was um die Ohren hauen?
Ich finde diesen veralteten hierarchischen Ansatz nicht mehr zeitgemäß.
 
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  • #2.097
Von einem fachlichen Experten würde ich solche Präsentations- bzw. Verkaufsfähigkeiten auch erstmal gar nicht erwarten. Dafür gibts doch auch in der Wissenschaft andere, die das hübsch verpacken? Wäre für mich jetzt auch erstmal keine scharfe Kritik wenn ich ihm sagen müsste, das ist "Schrott".
 
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*Andrea*

  • #2.098
Hallooo @WolkeVier ?!
Wie will man denn etwas, sei es bei der Arbeit oder im Verein oder in der Beziehung verändern, wenn man nicht sagen darf, dass einen etwas problematisch dünkt?
Das heisst doch nicht, dass man den anderen als Menschen verändern will. Das heisst auch nicht, dass man sich über ihn stellen will. Idealerweise geht man ja davon aus, dass der andere auch mal sagt, wenn ihn etwas stört. Ich möchte nirgendwo arbeiten, wo ich nicht erwarten könnte, dass - wenn ich etwas nicht so toll mache - mir dies nicht gesagt würde. Das gäbe ja Unehrlichkeit zu Hauf.

Ich möchte auch keinen Partner, der nie Kritik äussert. Ich möchte eine Beziehung, die stärker wird, differenzierter wird. Dazu braucht es aber Auseinandersetzung. Es braucht ein Wissen darum, was dem Partner gefällt und auch, was ihm missfällt. Das heisst ja nicht, dass man die Kritik eins zu eins annehmen und umsetzen müsste. Aber irgendwie dünkt es mich, könnte ich einen Menschen gar nicht so tief kennen, wenn ihn nie etwas stören würde, wenn er nie etwas anders haben möchte. Mir wäre das zu oberflächlich. Vielleicht gar zu scheinheilig.
 
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  • #2.099
Dann stellt sich also die Frage, warum er nicht danach handelt.
Das habe ich ja schon anzudeuten versucht: PersönlichkeitsStruktur "Exzellenter Wissenschaftler", gepaart mit "Es ist immer mehr als genug zu tun", das führt dann eigentlich immer dazu, dass der unangenehmere Teil des Jobs, hier: förder- und forschungspolitisch angehauchte Folien, erstmal verdrängt wird und man lieber im Labor weiter Wissenschaft macht. Menschlich verständlich, ich ertappe mich selbst oft genug selbst dabei, letztlich aber nicht zielführend, wenn uns in fünf oder zehn Jahren noch jemand Fördergelder in die Hand drücken soll.;)

Mir fehlt hier nach wie vor die Erkenntnis, dass konstruktive Kritik hilfreich ist.
Indem man beispielsweise den obigen Mechanismus dem Betreffenden gegenüber offenlegt.

impliziert ja schon, dass es "von oben herab" stattfindet.
Nein, schon alleine deshalb nicht, weil es bei uns kein klassisches "oben" und "unten", keine in Stein gemeißelten Hierarchien, gibt. Ich bin vielleicht administrativ Vorgesetzter "meiner" Gruppe, in anderen Belangen kehrt sich diese Hierarchie aber auch schon mal um, bei uns existieren diverse bunt durcheinandergewürftle Hierarchiebenen nebeneinander.

Darf dein Mitarbeiter dir auch was um die Ohren hauen?
Er darf nicht nur, er soll sogar, wenn's sachlich-fachlich angebracht ist.
Wir gehen im Labor z.T. mit recht gefährlichen Stoffen um, und eine der Regeln lautet, dass jeder jeden wegen Verstößen gegen die Regeln zum Ungang damit "anmeckern" kann, darf und soll. Wenn ich im Labor lustig mit etwas herumpansche und der frisch zu uns gekommene Student, der gestern noch die Kenntnisnahme der Sicherheitsregeln schriftlich bestätigt hat sieht mich da Dinge tun die so nicht sei dürfen, dann erwarte ich geradezu, dass er mich darauf hinweist, dass die Regeln an der Stelle etwas anderes vorsehen.

Ich finde diesen veralteten hierarchischen Ansatz nicht mehr zeitgemäß.
S.o., Hierarchien sind bei uns kontectabhängige, fachliche und wechselnde Hierarchien. Ich mag jemandem administrativ vorgesetzt sein, gleichzeitig kann sie oder er aber in Sicherheitsfragen mir gegenüber fachlich weisungsbefugt sein. Ich mag einer Mitarbeiterin aus meiner Gruppe Montag mitteilen, was die Woche über aus meiner Sicht erledigt werden muss, Dienstags kommt sie dann in ihrer Funktion als Teil einer anderen Gruppe und sagt mir, was ich noch so alles zu erledigen habe.;) "Oben und unten" gibt's nicht, sondern nur "In der konkreten fachlichen Frage gerade die- oder derjenige, die oder der dem Rest erzählt wo's langgehen kann."
 
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*Andrea*

  • #2.100
Er darf nicht nur, er soll sogar, wenn's sachlich-fachlich angebracht ist.
Wir gehen im Labor z.T. mit recht gefährlichen Stoffen um, und eine der Regeln lautet, dass jeder jeden wegen Verstößen gegen die Regeln zum Ungang damit "anmeckern" kann, darf und soll. Wenn ich im Labor lustig mit etwas herumpansche und der frisch zu uns gekommene Student, der gestern noch die Kenntnisnahme der Sicherheitsregeln schriftlich bestätigt hat sieht mich da Dinge tun die so nicht sei dürfen, dann erwarte ich geradezu, dass er mich darauf hinweist, dass die Regeln an der Stelle etwas anderes vorsehen.
Ich glaube ja, zumindest überall wo es um wirklich schwierige Dinge geht, die - wenn sie schieflaufen - auch gefährlich oder für andere Menschen physisch oder psychisch verletzend sein können, bräuchte es eine gute Fehlerkultur. Nur wenn alle sich (hart aber herzlich) auch kritisieren können, egal ob gegen unten, rechts, links oder auch oben, kann man schwerwiegende Fehler vermeiden lernen. Natürlich ist das keine einfache Sache, umso mehr, als wir alle uns dies nicht wirklich gewohnt sind. Aber wie wollen wir es lernen, wenn wir es nicht tun? Ich finde, gerade in heiklen Bereichen mit grosser Verantworung anderen Menschen gegenüber müsste man dies versuchen. Das würde die Verantwortung dann auch auf mehrere Schultern, nämlich aufs ganze Team, verteilen.
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
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