P

Philippa

  • #151
Zitat von Philippa:
Motzen, Jammern, sich ständig Beklagen ist ein Vermeidungsverhalten, habe ich heute gelesen und als sehr zutreffend empfunden. Manchmal muss man allerdings gut hinschauen, um zu merken, was genau man vermeidet.

Ich zum Beispiel versuche bisher mit allen Mitteln Situationen zu vermeiden, in denen mir klar wird, dass ich in diesen Bereichen mittelmässig oder unterdurchschnittlich bin. Ich vermeide dabei sogar, sobald andere Menschen - und also Vergleichsmöglichkeiten! - dabei sind, Dinge, die mir eigentlich (wenn ich allein bin) sehr viel Freude machen. Z.B. tanze oder singe ich nur ganz allein für mich in meiner Wohnung... Bisher habe ich mir eingeredet, dass ich halt ein Trauma hätte, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich keinerlei Erinnerung an ganz schlimme Ereignisse, die diese Vermeidung erklären könnten, obwohl ich vielleicht schon auch mal ausgelacht oder gehänselt wurde.

Ich vermeide es auch, beruflich hohe Positionen zu erreichen - ich bewege mich viel lieber in flachen Hierarchien. Bisher dachte ich, der einzige Grund dafür sei, dass Macht moralisch verwerflich sei, und ich also aus ethischer Sicht besser da stehen würde, wenn ich sie vermeide. Heute habe ich mir überlegt, dass es auch damit zu tun haben könnte, dass ich nicht so gut darin bin, allzu viel Verantwortung zu übernehmen, vor allem wenn es um Entscheidungen in Dilemma-Situationen geht, wenn ich also für verursachte neue Probleme geradestehen müsste. Mir würden solche Situationen den Schlaf rauben und ich würde mich als entscheidungsschwach sehen müssen.

Das, was ich also unbedingt vermeiden will, ist das Gefühl der Mittelmässigkeit. Denn ich habe die Überzeugung entwickelt, ich hätte nur die Chance auf Liebe, wenn ich überall die Beste bin.

Die neue Einsicht tut weh, aber ich bin überzeugt, sie ist wichtig für mich und wird mein zukünftiges Leben bereichern. Ich bin ja auch ein mutiger Mensch und lernfähig. :)

Ausserdem bin ich immerhin nicht die einzige, die in gewissen Bereichen zum Motzen, Jammern und sich ständig Beklagen neigt...
Da ich schon zu spät dran bin, um noch eine Ergänzung zu machen, führe ich das Thema nun halt in einem neuen Beitrag noch etwas weiter:

Diese kognitiven Schemata und die entsprechenden Verhaltensweisen hatten natürlich auch einen ziemlichen Einfluss auf mein Liebesleben. Ich verstehe nun, weshalb ich (logischerweise!) immer irgendwie im Zweifel an meiner Liebe und gar Liebesfähigkeit sein musste. Denn: Gab es an einem potenziellen Partner genügend Eigenschaften und Fähigkeiten, für die ich ihn auch bewundern konnte, dann musste ich ihn zwangsläufig als moralisch bedenklich einstufen und zog mich also wieder zurück. Oder ich suchte mir einen Partner, der solche von mir als verwerflich empfundenen Attribute wie hoher Status, einflussreiche Tätigkeit etc. vermissen liess, damit ich ihn nicht als schlechten Menschen sehen musste, zweifelte dann aber daran, ob er wirklich der Richtige sei, weil ich nicht sonderlich viel an ihm bewundernswert fand...
 
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  • #153
Zitat von Philippa:
Denn: Gab es an einem potenziellen Partner genügend Eigenschaften und Fähigkeiten, für die ich ihn auch bewundern konnte, dann musste ich ihn zwangsläufig als moralisch bedenklich einstufen und zog mich also wieder zurück.
Ich bin grad über Deine Arbeitsthese gestolpert, wonach ein bewundernswerter Partner zwangsläufig moralisch bedenklich sein soll. Ich würde zwar nicht das gleiche Adjektiv auf meine "Haben-Müssen" Liste setzen, aber auf den Partner stolz zu sein ist mir wichtig. Wenn es mir kein Vergnügen bereitet, den Partner Freunden vorzustellen und dabei auch klarzumachen, dass er/sie die eine ist stimmt etwas nicht.
 
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Marlene

  • #154
Hallo Philippa,
ganz schön schwierig, diese Widersprüche zu vereinbaren. Ich diskutiere auch immer mit einem Freund über Macht und Hierarchien, er behauptet z.B. dass Macht auch in einer Liebesbeziehung stattfindet. Und, dass man "ja" dazu sagen sollte, alles andere wäre eine Lüge, wenn man selber den Anspruch hat, nicht zum Mittelmaß zu gehören. Ich finde, dass es einen Unterschied macht, ob man Verantwortung übernimmt und mit dieser zum Erreichen bestimmter zweckentfremdeter eigener Ziele Macht ausübt, oder ob man der Verantwortung gerecht wird und das gemeinsame Ziel versucht umzusetzen. Und, dass in einer Liebesbeziehung Macht nichts zu suchen hat. Das Können eines Partners in bestimmten Bereichen ist moralisch nicht verwerflich und durchaus zu bewundern, außer, er setzt sein Können für moralisch verwerfliche Ziele ein. Aber dann kann ich ihn auch nicht bewundern, sondern habe Probleme damit. Gut zu sein auf einem Gebiet und dadurch z.B. in einer Hierarchie nach oben zu klettern, heißt auch, dass dieses Gut-Sein gelebt wird und Anerkennung findet. Eine positive Außenspiegelung, eine Zustimmung, einen Erfolg braucht jeder, davon bin ich überzeugt, sonst würde man in seinem eigenen Brei herumschwimmen und würde keinen Anstoß erhalten. Ich glaube, es ist eine Illusion, sich jeglicher Bewertung entziehen zu können, da wir als soziale Wesen im Vergleich leben und uns auch selbst bewerten. Das Sich-schlecht-Bewerten ist manchmal ein Resultat davon und es kostet dann unheimlich viel Mühe, erstmal nur den Stand des "Ich bin gut so wie ich bin" wieder hinzubekommen.
 
M

Marlene

  • #155
Ah ja, habe etwas vergessen:
Jeder Mensch hat etwas Besonderes, eine bestimmte Begabung, im Grunde genommen gibt es kein "Mittelmaß", man macht sich nur dazu, aus welchen Gründen auch immer. Auch ein Kollektiv kann funktionieren, wenn jeder die Chance hat, sich mit seiner Qualität einzubringen. Es muß nicht unbedingt in einer Hierarchie münden, denn die Bewertung liegt auf der Gleichrangigkeit der Qualitäten: der kann besser reden, der kann besser Zahlen verwalten usw. Alle sind aber gleich gut in ihrem jeweiligen Besser-Sein.
 
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  • #156
Zitat von koerschgen:
@Howlith: (...) Du hast mehr Lebenserfahrung als ich, (...)
Lebenserfahrung hin oder her. Manchmal da denk ich mir auch, was mach in alter Trottel denn da wieder für einen Mist. Ich müsste es doch eigentlich besser wissen. Eigentlich ...

Klar, dass einer mit Anfang 20 oder Anfang 30 einiges hier anders erlebt als so ein kriegserprobter ... uuups, äh neues Wort ... beziehungsgeschädigter ... nein, auch nicht besser ... ach, sagen wir doch wie es ist, ... so ein alter Sack wie ich es eben einer bin. Dass sich mit den Jahren die Perspektive ändert, ist wohl eine Binsenweisheit. Aber sie ändert sich, manchmal sprunghaft, manchmal ohne dass man es mitkriegt. Man sieht vieles gelassener, versöhnlicher. man wird nachsichtiger mit sich selbst und mit anderen. ... und vielleicht hat man auch einfach einiges von dem vergessen, wie das mal so war, mit *schluck* ... "30".

Manchmal habe ich den Eindruck, dass all diese phantastischen Möglichkeiten heutzutage, online-dating, FB & whatsapp, dating-apps die Sache für viele nicht wirklich einfacher gemacht haben. Teilweise auch mehr ablenken als wirklich hilfreich sind. Da wird seitenlang darüber diskutiert wie ein Profil auszusehen hat ... oder wie viele "matching points" man/frau hat. (Es gibt tatsächlich Leute, die glauben, dass das eine absolute Größe wäre ...). Zu "meiner Zeit" ging das noch ohne MP, das mussten wir selbst raus finden. Profile, Fotos, Fragen beantworten, erstes Anlächeln ... ist das denn wirklich so schwierig, so wichtig, so entscheidend? Das sind doch keine genormten DIN-Formulare oder Verhaltensregeln ...

Na ja, wer weiß wie ich das empfinden würde, wenn ich heute 30 wäre. Wer weiß das schon?

"Niemand blickt auf sein Leben zurück und erinnert sich an die Nächte, in denen er besonders viel Schlaf bekommen hat ..."
 
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  • #159
Ganz schön frech, diese fleur-de-lys -- aber immerhin: Palma fühlt sich warm verstanden.
 
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Philippa

  • #161
Hallo Marlene!

Vielen Dank für deine Antwort auf meinen Beitrag.
Ich sehe das eigentlich ziemlich ähnlich wie du. Ich bin aber ein wenig unsicher, weshalb du auf diese Weise auf meinen Beitrag reagierst. Z.B. das Thema Macht. Meine Überlegungen bezogen sich nicht auf ein Machtgefälle in einer Partnerschaft. Das würde ich auf keinen Fall wollen, jedenfalls nicht, wenn man die Beziehung als Ganzes sieht. Da finde ich, beide Partner sollten sich in ausgeglichenem Mass durchsetzen, vielleicht der eine in diesem Bereich mehr, die andere dafür in jenem.

Du schreibst, dass es darauf ankommt, ob jemand sein Können für verwerfliche Ziele einsetzt. Da bin (und war) ich natürlich mit dir einverstanden. Bloss, was ist ein verwerfliches Ziel?
Ich hatte vermutlich "verwerfliches Ziel" in der Vergangenheit zu weit gefasst, so weit nämlich, dass jeder Kaderjob in einer grösseren Unternehmung schon reichlich verdächtig war.

Es ging mir auch eigentlich gar nicht darum, dieses Thema jetzt hier zu diskutieren. Ich habe für mich einen wichtigen Schritt (im Sinne von Arbeit an mir) gemacht und bin überzeugt, dass mir das auch die Partnersuche und das zukünftige Liebesleben erleichtern wird.
Ich habe es nur so ausführlich beschrieben, um mal mit einem Beispiel zu verdeutlichen, worum es beim Arbeiten an sich auch gehen könnte.
Ich rede ja manchmal viel zu geduldig an Wände. Vielleicht ist das genauso eine Form des Anbellens des Mondes. Aber ich glaube auch einfach fest daran, dass es immer, auch bei den schwersten Fällen, Hoffnung gibt. Vielleicht steckt dann auch einfach umso mehr Leid dahinter.
 
G

Gast

  • #162
Philippa, nicht schlecht!

Und der Dauerbrenner Macht. Kommt halt drauf an, was man drunter versteht. In einem gewissen Sinne ist immer, wo Menschen miteinander zu tun haben, Macht. Generell halte ich da Akzeptanz und guten Umgang damit für sinnvoller als Ächtung oder Leugnung. Auch in Partnerschaften. Manchmal kennen sich Leute, die das Machtding so völlig von sich weisen, auch nicht so gut und ihre Machtausübungen erfolgen versteckter und indirekter. Da kann man manchmal was erleben! Und sich dann fast nach ein bißchen Geradlinigkeit in der Machtausübung wünschen...

Zitat von DerM:
Es ist in anderen Foren bei Weitem nicht so extrem wie hier. Da gibt es mehr "Sehende".
Ich verbeiße mir mal so manchen Scherz und versuchs eher sachlich. Weil sachlich find ich gerade geil.
Ich schätze M hinsichtlich seiner Sehkraft in diesem Forum als durchschnittlich ein. Seine Posts scheinen mir im Schnitt nicht zu den dümmeren zu gehören, und auch nicht zu den klügeren. Es gibt manche Überlegungen, etwa bezüglich mancher unerträglicher Gemeinplätze, die ganz gut sind. Die könnte man als überdurchschnittlich "sehend" auffassen. Demgegenüber stehen einige Äußerungen und Meinungen, die deutlich unterdurchschnittlich sehend sind. Dazu zählt womöglich auch die Einschätzung der eigenen Hellsichtigkeit.
Interessant, nicht?
 
P

Philippa

  • #163
Zitat von Butte:
Und der Dauerbrenner Macht. Kommt halt drauf an, was man drunter versteht. In einem gewissen Sinne ist immer, wo Menschen miteinander zu tun haben, Macht. Generell halte ich da Akzeptanz und guten Umgang damit für sinnvoller als Ächtung oder Leugnung. Auch in Partnerschaften. Manchmal kennen sich Leute, die das Machtding so völlig von sich weisen, auch nicht so gut und ihre Machtausübungen erfolgen versteckter und indirekter. Da kann man manchmal was erleben! Und sich dann fast nach ein bißchen Geradlinigkeit in der Machtausübung wünschen...
Da stimme ich dir zu. Ich glaube, ich kenne das Ganze aus verschiedenen Perspektiven. Es ist ja etwas vom Schönsten im Leben, wenn einem ein grösserer Perspektivenwechsel gelingt.

Und zu dem, was du über DerM schreibst: Kooperation ist doch eine gute Sache!
 
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  • #164
Zitat von Philippa:
Gab es an einem potenziellen Partner genügend Eigenschaften und Fähigkeiten, für die ich ihn auch bewundern konnte, dann musste ich ihn zwangsläufig als moralisch bedenklich einstufen und zog mich also wieder zurück. Oder ich suchte mir einen Partner, der solche von mir als verwerflich empfundenen Attribute wie hoher Status, einflussreiche Tätigkeit etc. vermissen liess, damit ich ihn nicht als schlechten Menschen sehen musste, zweifelte dann aber daran, ob er wirklich der Richtige sei, weil ich nicht sonderlich viel an ihm bewundernswert fand...
Es gibt doch auch andere Dinge, die man bewundern kann. Meine Partnerin hat z. B. eine recht grosse Sozialkompetenz. Und eine extrem positive Lebenseinstellung. Ja, darum beneide ich sie gar.
 
M

Marlene

  • #165
Das waren nur so meine Gedanken dazu, weil ich gedacht habe, dass Dich das Thema beschäftigt und mich halt auch. Auch gewaltfrei zu leben. Ich bin mir in Manchem eben auch noch unklar und da ist es gut, sich damit zu beschäftigen. Wie beim "verwerflichen Ziel". Das ist, wenn man mit seinem Können anderen Schaden zufügt, um ein Ergebnis zu erreichen. Tiere quält, für Versuchszwecke mißhandelt z.B. Abhängigkeiten ausnutzt, mißbraucht und dann das Ergebnis als Erfolg verbrämt. Und jetzt beginnt wohl die Diskussion und ich steige dann halt aus.