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Dr. Bean

  • #2
https://www.youtube.com/watch?v=-AMqm6UmG4w

Irgendwo in den Tiefen einer eingeschüchterten Seele, weit unter dem Geist und in einer anderen Welt als der des Körpers lag ein kleiner blauer See, der von hohen Buchen in grün und braun umgeben wurde. Beschützend nahm der Himmel diesen Ort unter seine Decke, wo eine behütete Stille herrschte, die die Vögel von ihrem Thron aus verhöhnten und der die ungesehenen Tiere im Unterholz durch Rascheln und Laute eine geheimnisvolle Note verliehen. Zwischen Grün und Braun und Abstufungen dazwischen schwomm in der Mitte dieser Welt ihr unbewegter Beweger. Ein junges Mädchen lag auf dem Rücken auf der Wasseroberfläche, die Arme weit von sich gestreckt, der Körper bleich. Ihre Haare waren schwarz und torkelten in und auf dem Wasser, wie die Liebe im Ätherrausch; ihre Lippen waren rot und kontrastierten zu ihren blauen Augen, die starr in den Himmel blickten. Sie badete nackt und wurde vom Wasser getragen, das sie weiter und weiter in eine Richtung brachte, die ohne ihre Vorstellung nicht existierte.

Wenn sie nun, in diesem Moment, denken würde, dann hätte sie an ihn gedacht. Ihre Entrüstung über seine Entscheidung wäre lange verflogen und ihre Verachtung ihrer Mutter gegenüber hätte sich in Sehnsucht nach seiner zärtlichen Berührung und seinem vertrauten Gesicht verkehrt. Die Vögel drohten ihm von den Bäumen, ihm der im Moment in ihren Gedanken existieren würde und sie schmeichelten ihr. Sie dachte an die Zeit zurück, wo sie nachts wach im Bett lagen, das Fenster geöffnet, die Stille genießend, die Ruhe ehrend, die Rettung vor der Menschheit und ihrem Wahnsinn. Dann hatte er sie in den Arm genommen und sie auf die Stirn geküsst, "mein Stern, du führst mich in dunkler Nacht, am Tage schlafe ich und bin versteckt und wenn der Mond leuchtet, komme ich dir immer näher".

Die gemeinsame Flucht mit ihm hatte sie immer an diesen Ort gebracht, ihren Gedankenort, wo sie niemanden brauchten, nicht existierten, Schatten waren, die durch keine Lampen geworfen werden, ohne Wurzeln; die gemeinsame Flucht hatte sie schwerer getroffen im nachinein, als je etwas zuvor. Fünf Jahre, die fünf glücklichsten Momente ihres Lebens waren verstrichen und sie fühlte sich, als hätte sie die meiste Zeit verschlafen. Als hätte sie Dinge übersehen, die sonst nicht passiert wären. Nie hatte sie einen Mann mehr geliebt als ihn seit Vater gestorben war. Heute morgen war sie aufgestanden und hatte den Zettel gefunden und das Geld. Seine Mutter war verschwunden, sie hatte ihre Welt nicht mehr ertragen und ihr Geld dagelassen, sowie den Brief. Der Küchentisch, dieser grausame Postbote, brachte ihr eine zunächst befriedigende Nachricht, bis sie verstand, dass sie ihn mit sich genommen hatte. Er schrieb selber ein paar Zeilen und sie wurden zu seinen letzten Worten in ihrer Liebe, die irgendwann auf ihre Mutter übergesprungen sein musste.

Eine bedeutsame Fliege zog eine Runde über ihren nackten Körper und sah sie aus über tausend verschiedenen Sichtweisen, einer Gabe, die die Menschheit verrückt werden ließe. Langsam näherte sie sich summend ihrem Gesicht und setzte sich auf ihre leuchtenden blauen Augen, stieß ihren Rüssel in die Pupille und trank das eiweißhaltige Sekret. Sie nahm davon keine Notiz mehr.

Sie wusste vorher, dass auch der Tod ihr nicht das zurück geben kann, was sie verloren hatte. Aber das Glück ihr Paradies gefunden zu haben, in einer Welt, die von Ghoulen, Vampiren, Zombies und Schlangen regiert wurde, würde sie kein zweites Mal haben können, geschweige die Geduld bis es dann doch wieder käme. So hatte sie sich für ihr Paradies entschieden, wo sie ein Schatten ohne Wurzeln und ohne Quelle war. Ganz alleine, nur eine Projektion an der Wand, ein Abbild einer Fiktion, die ihr Leben war.

by entropie, 2003
 
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  • #3
Du hast ja wahrlich schriftstellerische Qualitäten! Gibt es eine Fortsetzung, die seine Sicht beschreibt?
 
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  • #4
Würdest du die Geschichte heute ganz genau so schreiben Dr. Entro?

PS : Sie wirkt düster, wäre sie heute auch so düster?
 
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Dr. Bean

  • #5
So düster ja aber weniger arrogant. Ich weiß heutzutage, dass ich gut bin. Das muss nicht mehr die ganze Welt wissen. Nur manchmal, wenn sie sehr sehr dumm ist oder ich rotzevoll :)
 
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  • #6
Früher habe ich auch gern geschrieben, Fantasy/SiFi. Habe mir mal eine komplette Star Wars Geschichte ausgedacht. Oder eine Fantasy Geschichte, die ich in Fortsetzungen in einem Forum verfasst habe unter Einbindung der Foren/Char Nicks und Spielinhalte :) Die waren immer gespannt, wann der nächste Teil kam.
 
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  • #7
Na Vizee, da lag ich ja gar nicht so falsch. Du wirkst auf mich, wie eine, die gerne und auch schon viel geschrieben hat.
 
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  • #8
:))